Gespräche am Rand des Krieges: Zwischen Müdigkeit und gefährlicher Naivität. Vitaly Portnikov. 26.09.2025.

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Auf der Chreschtschatyk-Straße kam ein junger Mann auf mich zu – wie so oft, ein Glovo-Kurier.

– „Ich möchte Sie etwas fragen: Sie sagen doch, der Krieg werde noch lange dauern. Verstehen Sie denn nicht, dass wir das körperlich nicht aushalten werden?“

Ich bat meinen Gesprächspartner, auf Ukrainisch zu wechseln – was er ohne Probleme tat – und erklärte ihm, dass das Ende des Krieges nicht von meinen Prognosen abhänge, sondern vom Willen Putins, der nicht vorhat, ihn zu beenden. Und wir müssten alles daransetzen, das wirtschaftliche Potenzial Russlands zu schwächen – dann gäbe es eine Chance auf ein Ende.

Doch diese Erklärungen ließen meinen Gesprächspartner völlig kalt.

– „Sie verstehen doch, dass wir das körperlich nicht aushalten. Warum können wir nicht einfach mit den Russen befreundet sein?“

Ich erklärte ihm geduldig erneut: Der Wunsch nach Freundschaft hänge nicht von ihm ab, sondern von den Russen selbst. Sie haben nicht die Absicht, mit ihm befreundet zu sein – sie wollen die Ukrainer vernichten, solange sie nicht unsere Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht haben.

– „Dann kann ich doch einfach nicht daran teilnehmen, oder?“ – fragte der junge Mann.

Dieses Gespräch – das erste dieser Art seit Beginn des großen Krieges – zeigte mir: Meine Überzeugung, dass im dritten oder vierten Kriegsjahr Prozesse gesellschaftlicher Degeneration einsetzen, war nicht unbegründet. Menschen, die „Freundschaft“ mit Russland wollen und Butscha vergessen möchten, Menschen, die keine Gefahr darin sehen, wenn der Feind in ihre Häuser kommt, heben bereits den Kopf und sprechen offen darüber – mitten auf der zentralen Straße Kyivs.

Diese Episode darf nicht unbeachtet bleiben.

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