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Ich hatte keinen Zweifel daran, dass das Interview von Alla Pugatschowa im russischen Teil von YouTube Millionen Aufrufe sammeln würde. Aber ich habe etwas anderes nicht vorhergesehen – dass es zum Thema hitziger Diskussionen in den ukrainischen sozialen Netzwerken werden würde. Dass die einen Pugatschowa für ihre Ablehnung der Unterstützung des Krieges danken würden, während die anderen ihr vorwerfen würden, die Ukraine nicht unterstützt zu haben. Wir haben uns erneut davon überzeugt: Ein erheblicher Teil unserer Gesellschaft bleibt immer noch im Bann des postsowjetischen Informationsraums – sogar während des Krieges. Sowohl diejenigen, die versuchen, sich trotz des Krieges in diesem Raum zu halten, als auch jene, die ihn loswerden wollen.
Und beiden möchte ich eine einfache Sache sagen. Alla Pugatschowa ist eine russische Sängerin. Nicht sowjetisch, nicht postsowjetisch. Russisch. Ihre Stärke lag immer genau darin. Neben ihr blieb alles sowjetisch: von Kobson bis zu den Folklorechören. Und auch heute ist die sogenannte „russische Estrada“, all diese dummen Schamans – das sind Bruchstücke der UdSSR. Ukrainische Künstler, die sich dorthin drängten, strebten ebenfalls nach sowjetischem Status. Sofia Rotaru gelang das glücklicherweise nicht vollständig, dafür aber modernen wie Povalii und Ani Lorak.
Und zu erwarten, dass eine russische Sängerin sich gegen ihr eigenes Volk stellt – und nicht nur gegen den Staat – ist vergeblich. In der Geschichte der Weltbühne gibt es nur ein einziges jüngeres Beispiel: Marlene Dietrich. Eine Hollywood-Ikone, die alle künstlerischen Möglichkeiten hatte, in einem globalen Kontext zu existieren, und die sich im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Alliierten stellte. Aber selbst jetzt betrachten viele Deutsche sie als Verräterin. Nicht nur am Staat – an den Deutschen selbst.
Pugatschowa existiert nicht außerhalb des russischen Kontextes. Wir sind nicht ihre Hörer – sie sind es. Uns kann sie Mitgefühl zeigen, so wie ein Ausländer den Opfern der Aggression seines Landes Mitgefühl zeigt. Aber ihr Schmerz gilt den Russen. Und genau das sage ich den ukrainischen Russifizierten immer wieder: Auf dem Schiff der russischen Kultur gab es für euch nie einen Platz, gibt es keinen und wird es keinen geben. Höchstens im Laderaum.
Ich habe Pugatschowa nur einmal gesehen – in den 90er Jahren. Bei einem Frühstück, zu dem mich italienische Kollegen eingeladen hatten, kam sie mit ihrem damaligen Ehemann Jewgenij Boldin. Und am meisten interessierte sie die Krim. Sie versuchte herauszufinden, ob ihre Auftritte dort nicht als Unterstützung der ersten russischen Spezialoperation zur Abtrennung der Halbinsel wahrgenommen würden. Das hat mich beeindruckt. Denn meine anderen Bekannten aus der Welt der Estrada hatten niemals auch nur den Versuch unternommen, in solche Nuancen einzudringen.
Ihre Angehörigen sagten immer: Ihr größter Makel sei ihre Anständigkeit. Sie versuchte stets, diese zu bewahren, blieb aber dennoch Teil des Systems. Sowohl ihre Rolle in Russland als auch ihre Präsenz im System versteht sie sehr wohl.
Doch das Wichtigste in diesem Interview sind nicht die Worte des Mitgefühls oder der Unterstützung. Das Wichtigste ist der Satz über den Verrat Russlands. Wenn so etwas die einzige wirklich russische Sängerin der letzten Jahrzehnte sagt, bedeutet das, dass sogar ihr Glaube an die Normalität des eigenen Landes zerstört wurde. Und das ist bereits eine Diagnose. Nicht für Pugatschowa. Eine Diagnose für Russland und die Russen.
Vielleicht ist euch das nicht ganz bewusst, denn für jeden von uns gilt: Die Ukraine hat uns niemals verraten. Und das ist unser größtes Glück. Denn es gibt keine schlimmere Tragödie, als zu begreifen, dass dich deine Heimat verraten hat. Und das lässt sich weder durch Emigration ausgleichen, noch durch Papiere für die Kinder, noch durch irgendwelche Interviews.