Die wichtigste Folge der Ermordung des in den Vereinigten Staaten bekannten ultrarechten Kommentators und Podcasters Charlie Kirk wird darin bestehen, wie sich dies auf die gesellschaftliche Situation in den USA widerspiegeln wird. Wird dieses Attentat für weitere politische Konfrontationen genutzt? Oder wird im Gegenteil deutlich, dass der Kurs der derzeitigen Administration, ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, nur zu Eskalation und gesellschaftlicher Feindseligkeit führt?
Wir haben fast schon vergessen, dass auch Donald Trump während seines Wahlkampfes selbst ein Attentat auf sein Leben überstand. Viele seiner Gegner hielten diesen Anschlag für inszeniert, obwohl bei den Schüssen auf Trump ein Mensch starb. Für mich war das Attentat auf den künftigen wie auch ehemaligen Präsidenten der USA jedoch ein Beweis für die tiefe Kluft, die in der amerikanischen Gesellschaft existiert, und für die Möglichkeiten ihrer Destabilisierung – Möglichkeiten, die die Feinde Amerikas zweifellos nutzen werden.
Charlie Kirk selbst – und vielleicht war er deshalb im eigenen Land bekannt, aber international kaum interessant – war eine Standardfigur mit absolut standardisierten Ansichten. Sie spiegelten die allgemeine Linie der amerikanischen Ultrarechten aus der MAGA-Bewegung wider, auf die sich Donald Trump in seiner politischen Aktivität stützt.
In diesem Sinne könnte man den amtierenden Präsidenten der USA weniger als Kandidaten der Republikanischen Partei betrachten, die gezwungen ist, sich den MAGA-Stimmungen anzupassen, sondern vielmehr als direkten Vertreter dieser ultrakonservativen, ultrarechten Bewegung, deren Ideologie an die rechtsradikalen Bewegungen Europas und Amerikas der 1930er-Jahre erinnert.
Aus dieser Perspektive passten auch Kirks außenpolitische Positionen – etwa zur Frage des russisch-ukrainischen Krieges – völlig in das Prokrustesbett dieser ultrakonservativen Weltanschauung. Deshalb waren sie für viele uninteressant: Man wusste schon vorab, was Kirk in der nächsten Minute sagen würde, noch bevor er mit seinen Podcasts begann.
Für Donald Trump jedoch war Kirk zweifellos eine wertvolle Figur. Der junge Podcaster, ein 30-jähriger Debattenteilnehmer, konnte genau mit jener Zielgruppe arbeiten, die ultrakonservativen Parolen gewöhnlich skeptisch gegenübersteht, sich aber bei einem leidenschaftlichen Redner leicht mobilisieren lässt: die Jugend.
Viele sind überzeugt, dass Trump ohne die Stimmen junger Amerikaner – er selbst fast 80 Jahre alt – kaum auf die für ihn so notwendige Rückkehr ins Weiße Haus hoffen könnte. Diese Rückkehr ist für ihn nicht nur politisch wichtig, sondern auch aus Gründen der persönlichen Sicherheit und Freiheit. Zwar gibt es in den USA zahlreiche ultrarechte Podcaster mit Millionenpublikum, doch gerade Kirk konnte eine besondere Rolle spielen: die Hoffnung, dass ultrakonservative Ideologie nicht bloß die Ideologie alter Menschen bleibt, die sich nostalgisch an Zeiten erinnern, in denen diese Ideologie in Europa und Amerika siegte – und die Menschheit letztlich in den Zweiten Weltkrieg führte.
Heute jedoch geht es nicht mehr um den verstorbenen Podcaster, der keine Sendung mehr moderieren wird. Es geht um die Frage, wie die Folgen seiner Ermordung in den USA genutzt werden. Noch wissen wir nicht, wer die Tat begangen hat. Und wenn man frühere sorgfältig vorbereitete, aufsehenerregende politische Morde in den USA betrachtet, könnte es sein, dass wir es nie erfahren – weder den Täter noch die Umstände.
Zur Erinnerung: Donald Trump hat nach seinem Amtsantritt die Archive freigegeben, die mit den Morden an Präsident John F. Kennedy und dessen Bruder Robert Kennedy zusammenhängen, der später selbst Präsidentschaftskandidat war. Doch selbst diese freigegebenen Akten ließen viele Details im Dunkeln, insbesondere zu den Hintermännern dieser Verbrechen. Dies wiederum fördert – wie wir gesehen haben – zahllose Verschwörungstheorien, die politische Tragödien gezielt instrumentalisieren.
Etwas Ähnliches könnte sich in den kommenden Wochen und Monaten in den USA wiederholen. Zumal wir schon jetzt sehen, wie groß Donald Trumps Appetit ist, solche Situationen zur Stärkung seiner eigenen Position auszunutzen. Gleichzeitig ist das Unverständnis erschreckend groß, dass politische Konfrontation und fehlende Einheit die USA in ein tiefes politisches und moralisches Loch führen – zur Freude Russlands und Chinas. Diese beiden Staaten möchten das missratene Präsidententum Donald Trumps nutzen, um die Positionen der Vereinigten Staaten auf der Weltbühne zu schwächen und gleichzeitig die Rolle Moskaus und Pekings in ihrem natürlichen autoritären Bündnis zu stärken.
Wenn die Situation sich jedoch anders entwickeln sollte – wenn das Verständnis wächst, dass politische Einheit und zivilisierte Debatte die eigentliche Medizin gegen die herrschende Konfrontation sind, die spätestens seit dem Sturm auf das Kapitol das amerikanische Leben bestimmt –, dann könnte man sagen: Aus einem weiteren, aber sicher nicht letzten, glauben Sie mir, politischen Mord in den USA wären die richtigen Lehren gezogen worden. Doch leider gibt es dafür bislang keinerlei Voraussetzungen.
Voraussetzungen gibt es allerdings sehr wohl dafür, dass Donald Trump die Ermordung Charlie Kirks auch nutzen wird, um unangenehmen politischen Fragen auszuweichen – etwa den russischen Aktionen in der Ukraine und nun auch in Polen. Damit muss man zu 100 % rechnen. Denn wir haben bereits gesehen, wie das Gespräch zwischen dem amerikanischen und dem polnischen Präsidenten, das vor dem Hintergrund der Nachricht von Kirks Ermordung stattfand, die völlige Abwesenheit einer angemessenen Reaktion Trumps auf eine der größten Herausforderungen in der Geschichte der NATO deutlich machte – nicht nur während seiner Präsidentschaft, sondern im gesamten Bestehen des Bündnisses.