Kurzer Umriss der Weltsituation. Vitaly Portnikov. 20.06.2025.

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Der Konflikt zwischen Israel und Iran rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Diese Konfrontation ist nicht nur eine Bedrohung für die Stabilität im Nahen Osten – sie wirkt sich bereits auf die Verteilung von politischer Energie und Ressourcen aus und lenkt die führenden Politiker der Welt von anderen wichtigen Themen ab, darunter der Krieg in der Ukraine.

Eine mögliche Eskalation des Konflikts, insbesondere in Form von Raketenangriffen zwischen Teheran und Jerusalem, könnte unvorhersehbare Folgen haben. Eines der Hauptrisiken ist die Destabilisierung des Kaukasus. Diese Region, die zwischen dem Iran, Russland, der Türkei und Europa liegt, ist nicht nur eine geografische Brücke, sondern das Nervensystem für das politische Gleichgewicht vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer. Ein Ungleichgewicht dort könnte einen Dominoeffekt in der gesamten Region und in der Folge in der Welt auslösen.

Darüber hinaus würde der mögliche Sturz des iranischen Regimes nicht unbedingt einen Sieg der Freiheit bedeuten. Es besteht die ernste Gefahr, dass dies zu Chaos, ethnischen Konflikten und Flüchtlingswellen in den Kaukasus, die Türkei, Europa – und sogar in die Ukraine oder Russland – führen wird. In Europa könnte eine solche Welle eine neue Migrationskrise auslösen, ähnlich wie die aus Syrien. Und in der Folge das Erstarken extremer politischer Kräfte – sowohl rechts als auch links -, die traditionell mit Moskau verbündet sind.

Die Dauer der Existenz des Regimes im Iran hängt in erster Linie von der Effektivität des Sicherheitsapparates ab – allen voran des Korps der Islamischen Revolutionsgarden. Diese Struktur ähnelt in vielerlei Hinsicht dem KGB oder der SS, was ihre Mechanismen zur Kontrolle der Gesellschaft angeht. Wenn der Apparat schwach ist, könnte das Regime stürzen. Ist sie jedoch effektiv genug, hält sie selbst den stärksten Schlägen stand.

Die Ukraine wird, obwohl sie keine Konfliktpartei ist, nicht abseits stehen. Wenn das iranische Regime zusammenbricht, wird Russland einen seiner wichtigsten Verbündeten verlieren. Gleichzeitig könnte ein Chaos in der Region die Situation für die Ukraine verkomplizieren, sowohl geopolitisch als auch in Bezug auf die Migration. Ein alternatives Szenario, in dem das Regime der Ayatollahs überlebt, aber seine Aggressivität und nuklearen Ambitionen verliert, könnte die Risiken sowohl für Israel als auch für die Ukraine verringern.

Die Position der USA – insbesondere angesichts der Rückkehr von Donald Trump an die Macht – ist von entscheidender Bedeutung. Trump ist nicht bestrebt, die Vereinigten Staaten in einen offenen Krieg mit dem Iran zu verwickeln. Stattdessen wird seine Regierung möglicherweise versuchen, getrennte Verhandlungen mit Teheran zu führen – auch wenn dabei die Interessen Israels nicht berücksichtigt werden. Gleichzeitig ignoriert Trump weiterhin alle Friedensinitiativen Putins, da er der Meinung ist, dass nur die Vereinigten Staaten das Recht haben, globale Konflikte zu lösen.

Unterdessen nutzt Putin die iranische Krise, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Insbesondere will er die Unterstützung für die Ukraine in Europa schwächen, indem er mit einer neuen Welle von Migranten droht. Seine Forderungen nach Verhandlungen mit der Ukraine sind nichts anderes als ein Versuch, die Kapitulation Kyivs  zu erreichen. Die Forderungen des Kremls – Entmilitarisierung der Ukraine und Anerkennung der besetzten Gebiete – enthalten keine Spur eines echten Friedenswillens.

Ein weiteres alarmierendes Signal ist Trumps Haltung gegenüber der G7. Er sieht diese Struktur nicht als ein Bündnis von Demokratien, sondern nur als einen Wirtschaftsclub, in dem nach seiner Logik auch Putin und Xi Jinping Mitglied sein sollten. Seine Weigerung, an den G7- und NATO-Gipfeln teilzunehmen, zeigt, dass er nicht bereit ist, mit traditionellen Verbündeten zusammenzuarbeiten, was sich unmittelbar auf die Unterstützung für die Ukraine auswirkt.

Die Drohungen des Irans gegen die Vereinigten Staaten und Israel sind mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Wahrscheinlich ist dies ein Versuch Teherans, Washington einzuschüchtern und ein direktes Eingreifen zu vermeiden. Aber selbst wenn diese Drohungen nicht in einer Katastrophe enden, bleibt die Lage angespannt und unberechenbar.

In den kommenden Wochen ist mit einer Intensivierung der Diplomatie zu rechnen. Trump wird versuchen, einen offenen Konflikt zu vermeiden, während der Iran die Situation durch Beschuss israelischer Ziele in die Länge ziehen wird, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Gleichzeitig wird Israel versuchen, die Vereinigten Staaten in den Konflikt hineinzuziehen, um Teherans Atomprogramm endgültig zu stoppen.

Die globale Situation ist äußerst komplex und eng miteinander verflochten. Was in der Ukraine, im Iran, in Washington, im Kreml oder in Peking geschieht, sind alles Teile desselben geopolitischen Schachbretts. Und die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, werden nicht nur das Schicksal einzelner Länder bestimmen. Sie werden auch die Zukunft der Welt bestimmen.

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