Meine Empathie ist schon vor langer Zeit gestorben. Dana Yarovaya.

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Meine Empathie ist schon vor langer Zeit gestorben. 

Sie starb in einer Entbindungsklinik in Mariupol. 

Sie starb mit dem Leid der Frauen, die nach der Räumung von Bucha abgetrieben mussten. 

Sie starb in den Trümmern von Gebäuden in Dnipro, Charkiw, Sumy, Odesa und Kyiv. 

Sie starb in den Trümmern von Okhmatdyt. 

Sie starb an den Gräbern von Freunden. 

Sie starb jede Nacht während des Beschusses. 

Sie stirbt seit 2014. 

Allmählich, langsam, qualvoll. 

Aber sie starb. 

Und ich habe sogar den Ort vergessen, an dem ich sie begraben habe. 

An ihrer Stelle, denn die Natur mag keine Leere, wurde eine perfekt polierte, kalibrierte, geübte, perfektionierte, rationelle, bewusste Wut geboren und gewachsen. 

Sie hat ein solches Ausmaß und solche Formen angenommen, dass ich manchmal selbst Angst vor ihr habe. Sie wächst jedes Mal, wenn es einen Beschuss gibt. 

Jedes Mal, wenn ich Fotos und Videos von zerstörten Leben und Schicksalen sehe. 

Sie wächst, breitet sich aus, dringt in jede Zelle meines Körpers ein und beginnt, meine DNA zu verändern. 

Es ist eine seltsame Veränderung, denn vor den Ereignissen von 2014 war ich eine Pazifistin, und jetzt habe ich nur einen Wunsch: zu den Waffen zu greifen. 

Ich habe kein Mitleid mit auch nur einer einzigen Person in dem Land 404, egal welchen Alters. Überhaupt kein Mitleid. Ja, ich bin vielleicht herzlos, aber auch das tut mir nicht leid. 

Ich möchte wirklich, dass alle Lebensformen dort verschwinden, sogar Viren und Bakterien. 

Nein, es tut mir nicht leid. 

Es tut mir leid, dass sie noch nicht verschwunden sind. 

Aber wenn sie verschwinden, werde ich mich vielleicht oder auch nicht, daran erinnern, wo ich meine Empathie vergraben habe. Ich werde sie ausgraben. Ich werde ein langes weißes Kleid anziehen, mein Haar herunterlassen und am Ufer dieses toten Ozeans sitzen und dem Rauschen der Wellen lauschen. Und ich werde darüber nachdenken, wieder eine Pazifistin zu werden, aber vorher werde ich prüfen, ob meine Waffe geladen ist. 

Gott, bist du beleidigt? 

Tut mir leid, das bin ich auch.

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