
Archivbild. Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky und der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (rechts) bei einem Besuch der 21st Air Defense Missile Group in Zanitz, wo ukrainische Soldaten den Umgang mit dem Luftabwehrsystem Patriot trainieren, 12. Juni 2024
Die Regierungskoalition in Deutschland zerbrach gleich am nächsten Tag nach der US-Wahl – ein weiterer Beweis für die dramatischen Veränderungen, die vor uns liegen. Aber auch ohne den triumphalen Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass die deutschen Politiker ihre Regierung bis zur nächsten Bundestagswahl Ende nächsten Jahres beibehalten. Schließlich waren sich die an der bereits gescheiterten Koalition beteiligten Parteien in ihren Ansichten schon immer alles andere als einig.
Wir brauchen uns gar nicht mit den Einzelheiten aufzuhalten, sondern brauchen uns nur an die Geschichte zu erinnern: Die erste Koalition von Sozialdemokraten und Freien Demokraten endete in einer skandalösen Scheidung, als der Vorsitzende der Freien Demokraten und Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Oktober 1982 die Beteiligung an der sozialdemokratischen Regierung verweigerte und eine neue Regierung mit der CDU/CSU-Koalition unter Helmut Kohl bildete.
Seitdem haben die Liberalen immer wieder Koalitionsvereinbarungen mit den Christdemokraten geschlossen und die Sozialdemokraten, abgesehen von den Zeiten der so genannten „Großen Koalition“ von CDU/CSU und SPD, mit den Grünen.
Was die drei Parteien in einer Regierung machen würden, war mir schon bei der Bildung des neuen Kabinetts von Bundeskanzler Olaf Scholz nicht ganz klar. Dieses seltsame Bündnis ließ sich nur mit der Ermüdung vor der Ära Angela Merkel erklären, mit der langjährigen Dominanz der Christlich Demokratischen Union im deutschen politischen Leben.
„Scholz hat das Vakuum selbst geschaffen“
Aber wie jedes Bündnis gegen und nicht für etwas war die deutsche Koalition vom ersten Tag ihres Bestehens an auf Spaltung programmiert. Und auch die Persönlichkeit von Bundeskanzler Olaf Scholz trug nicht dazu bei, die Regierung zu stärken.
„In der Ampelkoalition von Scholz gab es so viele Querelen und Widersprüche, dass sich viele Wählerinnen und Wähler einen härteren Führungsstil des Regierungschefs gewünscht hätten. Diesem Wunsch ist Scholz aber nur selten nachgekommen. In seinen Reden sprach er so kompliziert und technokratisch, dass seine Botschaft beim Publikum einfach nicht ankam. So schuf Scholz selbst ein Vakuum, das von dem Freidemokraten Lindner und anderen unzufriedenen Koalitionspolitikern eifrig ausgenutzt wurde, und sie missbrauchten es. Und auch führende Grünen-Politiker haben offen gesagt, dass eine Mitschuld am Scheitern der Koalition bei Scholz und seinem Führungsstil liegt“, betont der Zeit-Kolumnist.
Wie effektiv wird Deutschland Europa führen?
Doch nach dem Scheitern der Regierung stellt sich die Frage, wie effektiv Deutschland als Führungsmacht in Europa nun sein wird. Und das gilt natürlich auch für die Frage der Unterstützung der Ukraine.
Schließlich wurde die Krise mit dem anschließenden Zusammenbruch der Koalition durch zu Streitigkeiten über die Hilfe für die Ukraine verursacht, der Bundeskanzler bestand auf einer Aufstockung des Budgets für diese Hilfe, während der Finanzminister sagte, dass die Ukraine Taurus (Langstrecken-Raketensysteme) brauche. Daraufhin rief der Vorsitzende der CDU-Opposition, Friedrich Merz, den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky an und fragte ihn, ob die Ukraine Geld oder Waffen brauche.
„Das wird ein verrücktes Rennen, schnallen Sie sich an!“
Die gute Nachricht ist natürlich, dass der CDU/CSU-Block, dessen Kanzlerkandidat Zelensky anruft, die vorgezogene Bundestagswahl gewinnen wird. Und Merz ist ein starker Befürworter der Ukraine.
Die Wahl kann jedoch auch Überraschungen bereithalten, denn wir haben bereits den Anstieg der Popularität der rechtsextremen Alternative für Deutschland und des linksextremen Sarah-Wagenknecht-Bündnisses erlebt. Diese Parteien eint vor allem der Wunsch, die Hilfe für die Ukraine einzustellen. Und das ist für sie ein so zentrales Thema, dass CDU und SPD gerade in diesen Tagen die Fortsetzung der Verhandlungen mit dem Bündnis über die Bildung einer Landesregierung in Sachsen abgelehnt haben. Der Grund dafür sind Differenzen bei der Suche nach Auswegen aus dem russisch-ukrainischen Krieg. Und das auf regionaler Ebene!
So traf sich Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer mit dem Vorsitzenden der Landtagsfraktion der Alternative für Deutschland (AfD), Jörg Urban. Was die Politiker besprochen haben, wurde nicht berichtet, aber solche Treffen sind genau das, was die Öffentlichkeit beunruhigt.
„Wenn die CDU/CSU sich einen Partner für eine künftige Koalition aussuchen muss, wird sie nicht mit der SPD oder den Grünen, sondern mit der AfD eine gemeinsame Basis finden. Zusammen würden sie leicht mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. Nach den Befürchtungen über eine mögliche Bedrohung der Demokratie in den Vereinigten Staaten droht nun eine ähnliche Entwicklung im mächtigsten Land der Europäischen Union. Das Rennen wird hart werden, schnallen Sie sich an!“, ruft die slowakische Zeitung Aktuality.sk.
Auch wenn ich noch nicht an die Realität einer solchen Union auf föderaler Ebene glaube, sind die Turbulenzen und Unsicherheiten im politischen Leben der „Lokomotive Europas“ vorhersehbar. Und das in einer Zeit, die für die Ukraine und ihren Widerstand von größter Bedeutung ist!