Die Sonne über dem Tempel. Vitaly Portnikov. 07.04.2026.

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Hinter den Hügeln Jerusalems ging die Sonne langsam unter und ließ die letzten Strahlen auf den Mauern des Tempels zurück. Hinter den Mauern der umschlossenen Stadt senkte sich bereits die Dämmerung, die das umliegende Gebiet für die Stadtwache nahezu unsichtbar machte. Rabbi Jochanan ben Sakkai spürte diese Abwesenheit des Lichts und begann vorsichtig, sich des Leichentuchs zu entledigen, in dem ihn seine treuen Schüler aus Jerusalem hinausgetragen hatten, um ihn vor den Aufständischen als Toten auszugeben, die niemandem erlaubten, die ewige Stadt zu verlassen. Nun steht er schon auf den Beinen. Ein letzter Blick auf den Sonnenstrahl an der Tempelmauer – und der alte Weise ging gemächlich zum nicht weit entfernten römischen Lager.

Der strenge römische General Vespasian war überrascht über den unerwarteten Gast aus Jerusalem, den seine Soldaten einen Zauberer nannten. Nun ja, der General liebte, wie jeder Römer, Weissagungen.

– Du wirst nicht nur Jerusalem erobern, sondern auch Rom und Gründer einer Dynastie werden, – begann der Alte überzeugt zu sprechen, als er den General sah.

Vespasian lachte nur.

– Ich – Kaiser? Nein, ich bin ein treuer Diener des Kaisers, Jude! Aber wenn sich diese seltsame Weissagung erfüllt, werde ich deinen Wunsch erfüllen, wenn du einen hast. Hast du einen Wunsch?

– Ich habe einen Wunsch, – antwortete der Rabbi sicher. – Ich will eine Schule. Ich will, dass du mir erlaubst, eine Schule zu eröffnen. Eine religiöse Schule.

– Eine Schuuule! – Vespasian verschluckte sich beinahe vor Lachen. – Eine Schule! Nun gut, Alter, du sollst eine Schule haben. Wo immer du willst.

Die Zeit verging. Kaiser Vespasian eroberte Jerusalem, und sein Sohn, der zukünftige Kaiser Titus, zerstörte den Tempel – niemand und niemals wird die Sonne wieder über seinen Mauern sehen. Die Juden wurden aus Jerusalem vertrieben, auch der heilige Sanhedrin, der ihr religiöses Leben leitete, verschwand. Und nicht weit von Jerusalem, in der Stadt Jawne, versammelte Rabbi Jochanan ben Sakkai Schüler und Weise und stellte alles wieder her, was im Feuer des verlorenen Aufstands verloren gegangen war: den Glauben, die Traditionen, die Prinzipien und das Volk selbst. Nur den Tempel konnte er nicht wiederherstellen, denn er war kein Gott, doch bald entstanden jüdische Gebetshäuser in der ganzen Welt, in der die Vertriebenen aus Judäa Zuflucht fanden.

Tausend Jahre nach diesen Ereignissen spazierte ich durch die stillen Straßen von Jawne und dachte daran, was für ein Wunder es doch ist, dass ich existiere und dass ich hier bin. Hätte es Jochanan ben Sakkai nicht gegeben, hätte er Vespasian nicht besucht, hätte es seinen für einen alten General seltsamen Wunsch nicht gegeben, dann wären die Juden im Nichts verschwunden, wie Dutzende von Völkern, die vom Römischen Reich besiegt wurden.

Jochanan ben Sakkai besiegte Rom – und besiegte Jerusalem, dessen Anführer an die Kraft des Aufstands glaubten, aber nicht sehr darüber nachdachten, was mit ihren Mitbürgern im Falle einer Niederlage geschehen würde. In Jawne blieb die Religion erhalten, die den Juden Kraft und Orientierung gab, ohne die sie schnell Teil anderer Völker geworden wären, einfach zu einer Seite im Lehrbuch der alten Geschichte geworden wären.

Ich erinnere mich, wie man mich in Lwiw während einer Diskussion vor vielen Jahren fragte, wen ich für den größten Ukrainer des 20. Jahrhunderts halte. Ich zögerte keine Sekunde: Für mich war es immer Metropolit Andij Scheptyzkyj. Und da sah ich, wie einige der Teilnehmer des Gesprächs aufstanden und den Saal verließen mit den Worten: „Was für ein Schrecken, am Geburtstag des Anführers zu sagen, dass der wichtigste Ukrainer nicht er, sondern Scheptyzkyj ist!“

Und ich verstand, was Rabbi Jochanan ben Sakkai fühlte, als die Schüler ihn im Leichentuch aus Jerusalem trugen. Die Führer des Aufstands retten die Ehre der Nation. Aber es muss immer jemand geben, der das Volk selbst rettet – seine Seele, seine Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, seinen Weg zu Gott und zu den Menschen. Der sowohl den rettet, der zum Kampf bereit ist, als auch den, der Angst hat, sich selbst als das anzuerkennen, was er ist. Der den Tempel in einen Zufluchtsort des Volkes verwandelt.

Aus dieser Perspektive ist der zivilisatorische Beitrag von Metropolit Andrij, der die Kirche in ein ukrainisches Haus verwandelte – und zugleich in ihr die umfassende Sicht auf die Welt bewahrte –, tatsächlich biblisch. Es ist sogar erstaunlich, dass diese Mission, die man mit den Worten der alten Propheten beschreiben kann, erst kürzlich, im 20. Jahrhundert, stattfand, dass wir noch immer mit den Verwandten des Metropoliten sprechen und die Straßen von Lwiw so sehen können, wie er sie sah. Und uns nicht die Vergangenheit mit den Augen des Rabbi Jochanan vorstellen müssen, wie es bei mir in Jawne der Fall war. Eine solche Hingabe eines Zeitgenossen, eine solche apostolische Fähigkeit, ein Volk zu schaffen und zum Guten aufzurufen, wenn das Böse triumphiert – und das alles fast heute! – ist tatsächlich überwältigend.

Die Sonne über einem Land erscheint genau dann, wenn ein Gerechter den Tempel betritt.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Сонце над храмом. Віталій Портников. 07.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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