Nach Berichten russischer Journalisten haben die Behörden der ersten russischen Stadt beschlossen, dauerhaft auf mobiles Internet zu verzichten. Und ironischerweise wurde diese erste Stadt Uljanowsk – die Geburtsstadt von Wladimir Lenin. Man kann sagen: Dort, wo Russlands Weg zum totalitären Staat der bolschewistischen Zeit begann, dort beginnt nun auch der Weg Russlands zur endgültigen Ablehnung unkontrollierter Information.
Offiziell erklären die Stadtbehörden, es sei notwendig, Sicherheitszonen auszuweiten. Damit wird indirekt die Wirksamkeit der Angriffe auf Infrastrukturobjekte der Russischen Föderation anerkannt, die für den Krieg arbeiten. Möglicherweise gibt es die Befürchtung, dass der russische militärisch-industrielle Komplex sowie die für den Krieg arbeitende Energie- und Ölinfrastruktur bald mit noch ernsthafteren Angriffen konfrontiert werden – mit Langstreckenraketen, die die ukrainischen Streitkräfte von westlichen Verbündeten erhalten könnten. Somit wird die Ausschaltung von Systemen, die der angreifenden Seite die Navigation erleichtern könnten, zu einer Aufgabe der örtlichen Behörden.
Aber andererseits: Warum geschieht das punktuell? Warum wird eine solche Entscheidung nicht im gesamten Russland – oder zumindest im europäischen Teil des Landes – getroffen? Weil, wie es in der Geschichte des Totalitarismus oft geschieht, die Dunkelheit sich langsam verdichtet, damit die Bewohner des totalitären Staates nicht rechtzeitig zu sich kommen und die Risiken der neuen Entscheidungen der Machthaber nicht sofort erkennen.
Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hat den russisch-ukrainischen Krieg bereits genutzt, um sein Regime von einem autoritären in ein totalitäres zu verwandeln – für die totale Kontrolle über alles, was im Land geschieht, und zur Säuberung all jener oppositionellen Aktivisten, die in Russland noch existierten, als die sogenannte „Spezialoperation“ auf ukrainischem Boden begann. Und zur Vernichtung jener, die sich noch erlauben, eine von der Meinung des Kremls abweichende Sicht zu äußern. Doch das ist nur der Beginn des Totalitarismus. Denn die wichtigste Aufgabe jedes totalitären Regimes besteht darin, die Bevölkerung von jeglicher Information abzuschneiden, die von der Macht nicht kontrolliert wird.
Es ist kein Geheimnis, dass man in Moskau schon mit Neid auf die chinesische Firewall blickte, als vielen Bürgern der Russischen Föderation ihr Land noch – wenn nicht als demokratisch, so doch – als offen für den Informationszugang erschien. Und solange man Informationen empfing, ohne etwas gegen die Macht zu unternehmen, war dieser Informationsdurst für den Kreml kein Problem.
Doch das funktioniert nur, solange die soziale Lage im Land einigermaßen normal bleibt – solange nicht Hunderttausende Menschen an der russisch-ukrainischen Front wie Fliegen sterben. Solange keine Fragen entstehen wie: Warum findet dieser Krieg überhaupt statt, und was sind Wladimir Putins wirkliche Ziele – fast vier Jahre nachdem dieser Krieg in seine große, erbitterte Phase eingetreten ist?
In einem solchen Fall – erst recht, wenn die Regierung sich auf eine totale Mobilisierung an der russisch-ukrainischen Front oder auf einen langwierigen Krieg nicht nur mit der Ukraine, sondern auch mit anderen europäischen Staaten vorbereitet – ist es für die Bürger der Russischen Föderation natürlich besser, nichts zu wissen und fröhlich in die Kasernen zu marschieren.
Daher kann man sagen, dass Uljanowsk zu einer Art Testgelände für die Abschaltung des Internets in der Russischen Föderation wird. Die russische Regierung wird – wie schon oft in der jüngeren Geschichte des Landes – beobachten, wie die Einwohner der Stadt auf die Abschaltung reagieren, wie sie über diese Entscheidung sprechen.
Die Uljanowsker Abteilung des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) wird Berichte nach oben schicken, so wie das schon in der sowjetischen und postsowjetischen Zeit üblich war. Und auf Grundlage dessen, was in Uljanowsk geschieht, wird dann mit der Abschaltung des Internets in anderen russischen Städten begonnen.
Wenn die öffentliche Meinung in Russland auf das Geschehen ohne besondere Empörung reagiert, wird man früher oder später – angeblich zur „Sicherung der Sicherheit der Bürger der Russischen Föderation“ – beschließen, das mobile Internet im ganzen Land abzuschalten.
Denn was braucht man schon wirklich? Mobilfunkinternet – oder Strom und Benzin. Natürlich sind Strom und Benzin wichtiger, und um ihretwillen kann man es auch ohne Informationen aushalten – oder nur jene Informationen empfangen, die man über die Fernsehsender erhält. Die ganze Wahrheit darüber, was in der Welt passiert, wird euch Wladimir Solowjow erzählen. Ein sehr einfacher, natürlicher Ansatz für jedes autoritäre Regime – da braucht es nicht einmal eine chinesische Firewall.
Man wird mir vielleicht sagen, dass das mobile Internet ja noch nicht das gesamte Internet sei, das in der Russischen Föderation existiert. Es gibt ja WLAN, das weiter funktionieren wird, niemandem im Weg steht – aber gerade dort können effektivere Kontrollmechanismen greifen. Und wer weiß – niemand hat gesagt, dass man nicht in einem halben Jahr oder später in russischen Städten erklären wird, auch WLAN helfe dem Feind, Energieanlagen und Ölraffinerien zu zerstören, und dass man sich deshalb auch vom WLAN verabschieden müsse.
So kann die Russische Föderation leicht zum ersten Land der Welt werden – nun ja, zum zweiten nach Nordkorea – ohne Internet. Und ich glaube nicht, dass das für die Mehrheit der Bürger der Russischen Föderation von besonderer Bedeutung sein wird.
Zumal ich vollkommen sicher bin, dass es in Moskau weiterhin Internet geben wird – sowohl mobiles als auch Breitband, jede Art davon. Und auch das wird damit erklärt werden, dass die russische Hauptstadt durch das Luftabwehrsystem so zuverlässig vor Drohnen und Raketen geschützt sei, dass kein mobiles Internet die Vernichtung feindlicher Technik behindern könne.
Damit wird jene Situation wiederhergestellt, in der die Einwohner Russlands schon viele Jahrzehnte lebten. Früher fuhren sie nach Moskau, um Wurst und andere Lebensmittel zu kaufen, und die sogenannten „Wurstzüge“ aus bestimmten Städten der Russischen Föderation wurden zu einem eigenen Meme – Sinnbild jener wirtschaftlichen Lage, die sich in den letzten Jahren der Existenz dieses abscheulichen Staates, der Sowjetunion, herausgebildet hatte.
Und jetzt, vielleicht, werden die Bewohner bestimmter russischer Städte – sofern sie überhaupt nach Moskau gelassen werden, sofern dort kein Passierschein-Regime wie in Pjöngjang eingeführt wird – in die Hauptstadt reisen, um dort das Internet zu nutzen, um Informationen zu bekommen, um zu erfahren, was in der Welt wirklich geschieht und was man den Einwohnern von Uljanowsk, Tula oder Jaroslawl nicht erzählen will.
Und die Moskauer wiederum werden nach Uljanowsk, Tula oder Jaroslawl fahren, um sich von all diesen Informationen zu erholen, die nur schlecht auf die Psyche wirken. Schließlich ist es angenehmer, das Gedenkmuseum der Familie Uljanow zu besuchen und sich an jene Zeiten zu erinnern, als in dem ehemaligen Simbirsk Wladimir Lenin geboren wurde – als ständig die neuesten Nachrichten zu erfahren und zu begreifen, dass sich in einem Jahrhundert in Russland nichts geändert hat und seine Bewohner nach wie vor Sklaven einer verantwortungslosen und verbrecherischen Macht bleiben, die für sie entscheidet, was sie lesen, was sie sehen und was sie benutzen dürfen.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Россиянам отключают интернет | Виталий Портников. 11.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.11.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.