
Einige Tage nach Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, als die Welt nach einer Figur suchte, die den am ersten Tag der Angriffe getöteten Ajatollah Khamenei tatsächlich ersetzen könnte, las ich auf den Seiten der israelischen Zeitung „Haaretz“ einen großen Text, der dem Vorsitzenden des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran, Ali Laridschani (auch er wird bald bei einem Raketenangriff ums Leben kommen), gewidmet war. Laridschani war mir gut bekannt als einer der erfahrensten und zugleich brutalsten iranischen Politiker – doch der israelische Kollege zeichnete überraschend das Porträt eines Philosophen, der das Werk Kants analysierte, wissenschaftliche Bücher schrieb und in iranischen Zeitschriften veröffentlichte, dabei jedoch ein überzeugter religiöser Fanatiker blieb. Dieses Porträt erinnerte mich an die Bilder der ersten Führer der bolschewistischen Partei vor der Ära Stalins. Sie alle schrieben Bücher und Artikel – nicht nur Lenin und Trotzki, sondern auch Sinowjew und Bucharin konnten sich mit mehrbändigen Ausgaben ihrer Werke rühmen (eine solche Ausgabe wird später auch bei Stalin erscheinen, doch der „Hauptführer“ versuchte eher, seinen vernichteten Konkurrenten ähnlich zu sein).
Die Bolschewiki sind schwer als Philosophen zu bezeichnen, aber all diese Menschen waren begabte Publizisten mit einem umfassenden Blick auf die Welt – wie Laridschani. Doch wie Laridschani versuchten sie, ihr Wissen und ihre unbestreitbaren Talente im Dienst der Dogmen einzusetzen. Und im Dienst der Macht. In der Sowjetunion verwandelte sich diese Hingabe an die Ideologie allerdings schon nach drei bis vier Jahrzehnten der Existenz des Regimes in ein Ritual. Der Iran befindet sich jetzt gerade in Erwartung eines solchen Übergangs – sofern dieser nicht durch den Krieg aufgehalten wird oder der Krieg dieses Regime nicht zerstört. Doch heute können Laridschanis Ideen vom „spirituellen Krieg“, der dem Kampf um Geld gegenübersteht, von der Mehrheit der iranischen Führung geteilt werden und die Richtung ihres Handelns bestimmen – und zugleich den Wert des menschlichen Lebens entwerten, das im Namen eines „spirituellen Sieges“ seinen Sinn verliert.
Man könnte mir sagen, dieser „spirituelle Sieg“ unterstreiche nur erneut, dass die zivilisierte Welt gegen religiöse Fundamentalisten aus der Vergangenheit kämpft – aber ich würde die Situation nicht vereinfachen. Schließlich verdanken Donald Trump und alle Republikaner ihre Wahlerfolge Millionen von Wählern aus evangelikalen christlichen Gemeinschaften. Diese Menschen sind aufrichtig an der Sicherheit und Existenz Israels interessiert – nicht einmal so sehr aus Sympathie für Israel, sondern aus der Überzeugung, dass die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Heiligen Land die Zeit der Auferstehung näherbringt. Trump kann nicht einfach aufstehen und den Nahostkonflikt verlassen – denn die Unterstützung dieser Menschen zu verlieren, wäre für ihn eine noch gefährlichere Situation als ein Börsencrash. Der amerikanische Präsident kann ein völlig rationaler Mensch sein (auch wenn kollektive Gebete im Oval Office dieses Bild etwas untergraben), aber in jedem Fall hängt er von Wählern ab, die in Welten leben, die weit von Rationalität entfernt sind.
Am anderen Ende der Welt ist ein anderer rationaler Politiker, Benjamin Netanyahu, ein Vertreter einer bekannten Familie zionistischer Aktivisten, der die traditionelle Kippa nur zu zeremoniellen Anlässen trägt, von Koalitionspartnern abhängig, deren Parteien ganz anders funktionieren als der „Likud“ des israelischen Premierministers. So ist beispielsweise in der Partei Schas nicht die übliche Parteiführung das höchste Leitungsorgan, sondern der Rat der Tora-Weisen, der die Entscheidungen in grundlegenden Fragen trifft. Im Block „Jahadut ha-Tora“, in dem sich mehrere nicht-zionistische politische Formationen zusammengeschlossen haben, treffen ebenfalls die Räte der Tora-Gelehrten die wichtigsten Entscheidungen. Und natürlich sitzen in beiden Räten keine Politiker, sondern Rabbiner, die bei ihren Gemeinden unbestreitbare Autorität genießen. Nicht selten verlassen diese Menschen unsere Welt im Alter von über 100 Jahren, was sie nicht daran hindert, bis zu ihren letzten Tagen hinter den Kulissen der klassischen Politik das israelische Parlament zu dirigieren. So waren etwa die legendären Gründer religiöser Parteien, die Rabbiner Elazar Schach und Ovadia Yosef, deren Beerdigungen zu den größten Ereignissen der neueren israelischen Geschichte gehörten.
Und hier liegt das Paradox: Netanyahu kann die radikalen Stimmungen dieser und anderer Partner in der Regierungskoalition nicht ignorieren – und ist zugleich gezwungen, sich damit abzufinden, dass die Vertreter ihrer religiösen Gemeinschaften nicht zum Militärdienst mobilisiert werden können, was heute eine kritische Herausforderung für die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte darstellt. Doch die ultraorthodoxen Rabbiner sind überzeugt, dass inbrünstiges Gebet die Ankunft des Messias näherbringt und damit das Entstehen eines „wirklichen“ jüdischen Staates schneller herbeiführt als der Militärdienst.
Wenn wir von der existenziellen Natur des russisch-ukrainischen Krieges sprechen, meinen wir in Wirklichkeit ziemlich verständliche Dinge: imperialistische Expansion, die Weigerung Russlands und der Russen, die Ukrainer als eigenständige Nation und die Ukraine als „echten“ Staat anzuerkennen. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts ist das natürlich ein reiner Wahnsinn, der zeigt, in welcher fernen Vergangenheit Russland steckengeblieben ist. Doch sowohl Ukrainer als auch Russen kämpfen auf der Erde und um die Erde. Nur kämpfen die Ukrainer für ihre eigene Erde, während die Russen für fremde kämpfen.
Im Krieg im Nahen Osten jedoch entfaltet sich die Hauptdynamik des Konflikts für viele seiner Teilnehmer und interessierten Beobachter ganz und gar nicht in der Straße von Hormus.
Sie entfaltet sich im wörtlichen Sinne des Wortes in dem Himmel.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Війна на небесах. Віталій Портников. 28.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.