
Donald Trump wurde nicht zur Hauptfigur des Forums in Davos, obwohl er offensichtlich genau auf diese Rolle gesetzt hatte, als er sich bereit erklärte, an der prestigeträchtigen internationalen Konferenz in den Alpen teilzunehmen. Schon allein deshalb nicht, weil alle Thesen, mit denen sich der amerikanische Präsident an die Europäer wandte, noch bevor er das Podium des Forums betrat, vollkommen vorhersehbar gewesen waren.
Zum Haupthelden des Forums in Davos wurde jedoch für viele überraschend der kanadische Premierminister Mark Carney. Natürlich versuchten auch andere, mit ihm zu konkurrieren – der Präsident Frankreichs, der Bundeskanzler Deutschlands, sogar der Präsident der Ukraine. Doch auch in den Reden der europäischen Staats- und Regierungschefs lag eine bekannte Vorhersehbarkeit: Es war klar, dass Macron Trump scharf entgegnen würde, Merz über die Verantwortung Europas sprechen würde und Zelensky, der am letzten Tag des Forums vor allem zu einem Treffen mit seinem amerikanischen Amtskollegen erschienen war, den Europäern ihre Schwäche vorwerfen und Unterstützung für die Ukraine einfordern würde.
Doch nur Carney erwies sich als jemand, der nicht einfach eine politische Rede hielt, sondern eine echte konzeptionelle Vision der Zukunft präsentierte – genau dadurch unterscheiden sich übrigens Reden von Staatsmännern von Reden gewöhnlicher Politiker. Carneys Rede kontrastierte so stark mit der Rede Trumps, dass dies sogar dem amerikanischen Präsidenten selbst auffiel, der in seiner ihm eigenen Art die Einladung des kanadischen Premierministers in den neu geschaffenen „Friedensrat“ zurückzog.
Es mag seltsam erscheinen, dass gerade ein nicht-europäischer Politiker mit einem Konzept zur Antwort auf die Rückkehr des Imperialismus in seiner schlimmsten Form auftrat. Doch auch das wäre eine Vereinfachung. Erstens war Carney nicht nur Gouverneur der Zentralbank Kanadas, sondern auch der Zentralbank Großbritanniens. Zweitens ist „Europa“ nicht nur Geografie, sondern auch ein System von Werten. Und aus dieser Perspektive sind Kanada, Grönland, Australien oder Neuseeland – geografisch weit von Europa entfernt – gerade europäische Länder. Russland hingegen, das einen großen Teil des Kontinents einnimmt, hatte zu Europa stets nur ein indirektes Verhältnis.
Es mag ebenso überraschend wirken, dass ein professioneller Banker mit einer staatsmännischen Konzeption auftrat. Doch gerade erfolgreichen Bankern ist systemisches Denken eigen, das ihnen hilft, sich im richtigen Moment über laufende Prozesse zu erheben. Natürlich gibt es auch bei uns eine solche Erfahrung. 2004 wurde unser Präsident ebenfalls ein ehemaliger Chef der Nationalbank. Und ja, man kann über die zahlreichen politischen Fehler sprechen, die Viktor Juschtschenko beging und die letztlich zum vorzeitigen Ende seiner Karriere führten. Doch niemand wird dem dritten Präsidenten der Ukraine heute das staatsmännische Denken absprechen – die Fähigkeit, Prozesse zu beurteilen, die erst unter seinen Nachfolgern „wirksam wurden“, von denen sich einige als unfähig erwiesen, Risiken selbst einen Tag vor Beginn der Katastrophe zu erkennen.
Und ja, auch unsere historische Erfahrung zeigt, wie gefährlich es ist, allein einem großen Raubtier gegenüberzustehen. Dann wird man zu einer bequemen Beute, die, wenn sie nicht zerstört wird, zumindest ausgeraubt und gedemütigt wird. 2014 griff Putin die Ukraine an, die eine direkte Grenze zu mehreren Mitgliedern der Europäischen Union und der NATO hat. Und sofort wurde betont, dass der Westen unter keinen Umständen einen direkten Konflikt mit Putin eingehen werde.
Im Jahr 2026 jedoch lösten selbst Trumps Aussagen über die Möglichkeit einer Annexion des weit von Europa entfernten Grönlands einhellige Verurteilung durch praktisch alle Staaten des Kontinents aus. Und das deshalb, weil Grönland ein autonomer Teil des dänischen Staates ist. Stellen wir uns nun vor, Grönland wäre unabhängig und hätte sich keinem Bündnis angeschlossen. Was, glauben Sie, wäre dann sein Schicksal?
Gerade deshalb liegt im Aufruf des kanadischen Premierministers zur Bündelung der Kräfte eine historische Chance für die Ukraine. Imperialistischen Begehrlichkeiten können nur große zwischenstaatliche Zusammenschlüsse wirksam entgegentreten – möglicherweise sogar neue, nicht jene, die heute funktionieren. Und übrigens: Schon die bloße Existenz solcher Zusammenschlüsse und ihre Bereitschaft, auf Herausforderungen zu reagieren, werden früher oder später zu einer Entwertung imperialistischer Gelüste führen und jene Politiker begraben, die Träger aggressiver Ideologien sind.
Das ist zugleich die Antwort an jene in der Ukraine, die gerne von der „Schwäche Europas“ sprechen, fragen, ob die Ukraine ein Bündnis mit den Europäern wirklich brauche, und Ähnliches. Meiner Ansicht nach hat Mark Carney mit seiner Rede in Davos für uns eine klare und unmissverständliche Perspektive aufgezeigt: Wenn wir früher oder später nicht in Europa sind, dann werden wir früher oder später in Russland sein.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Герой Давосу. Виталий Портников. 25.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.