Der Botschafter der Russischen Föderation in Tadschikistan, Semjon Grigorjew, wurde in das Außenministerium dieses Landes einbestellt, um die sofortige und objektive Aufklärung des Mordes an einem zehnjährigen tadschikischen Jungen in einer Schule im Moskauer Umland zu verlangen. Die Außen- und Innenminister Tadschikistans stehen ebenfalls in Kontakt mit ihren russischen Kollegen und fordern eine objektive Ermittlung.
Nach den jüngsten Informationen aus Russland wurde der fünfzehnjährige Jugendliche aus derselben Schule, der das Kind angegriffen hat, festgenommen. Russische Propagandisten und Politiker versuchen den Anschein zu erwecken, der Mord an dem zehnjährigen Kamiljon habe keinerlei Zusammenhang mit der neonazistischen Propaganda und der Intoleranz, die in den vergangenen Jahren das russische gesellschaftliche und mediale Klima bestimmt haben. Mehr noch: Einige behaupten sogar, der Angreifer sei Opfer westlicher ideologischer Marker gewesen – und genau damit müsse man die Intoleranz erklären, die er nach eigenen Worten gegenüber Mitschülern „einer anderen Nationalität“ gezeigt habe.
Doch die Untersuchung jener Parolen, die der Jugendliche in seinen Briefen an Klassenkameraden verbreitete und die man während der Ermittlungen in seinem eigenen Zimmer fand, zeigt, dass keineswegs westliche Ideologie den jungen Mörder inspiriert hat. Der Slogan „Schlagt die Juden, rettet Russland“ ist wohl einer der deutlichsten Marker von Intoleranz und Hass – er spiegelt den tatsächlichen Zustand der russischen Gesellschaft wider, sowohl aus der Zeit des Russischen Imperiums als auch aus der Zeit des staatlichen Antisemitismus in der Sowjetunion – und ist selbstverständlich ein Marker von Fremdenfeindlichkeit und Hass gegenüber Menschen anderer Nationalität. Insofern ist dies ein rein russischer Mord.
Kamiljon ist nicht der erste Tadschike, der zum Opfer eines aus Rassenhass begangenen Verbrechens wird. Die ständige Schürung solcher xenophoben Stimmungen in der russischen Gesellschaft verstärkt sich, und dazu kommt der fortgesetzte russisch-ukrainische Krieg, in dem der Wert des menschlichen Lebens angesichts der Verbrechen, die die russische Armee auf ukrainischem Boden begeht, praktisch bei null liegt. Und wenn Wladimir Putin und andere Führungsfiguren des neonazistischen russischen Regimes den sogenannten „Heldentum des russischen Soldaten-Verbrechers“ verherrlichen, inspiriert das natürlich diejenigen, die an neonazistische und faschistische Parolen glauben und spüren, dass ihre Zeit gekommen ist.
Niemandem ist das offene Verächtlichmachen ein Geheimnis, dem Menschen aus zentralasiatischen Staaten in Russland ausgesetzt sind. Und das ist keineswegs nur die Ideologie derjenigen, die von der Notwendigkeit sprechen, Menschen zu vertreiben oder gar zu töten, die viele Russen als Bürger zweiter Klasse betrachten. Es ist, würde ich sagen, der Ausdruck gewöhnlicher spießbürgerlicher Psychologie, der Ausdruck von Verachtung, die Weigerung, Menschen anderer Herkunft als gleichwertig anzuerkennen.
Diese Haltung gegenüber „anderen“ wurde in der russischen – und davor in der sowjetischen – Gesellschaft über Jahre und Jahrzehnte kultiviert. Lediglich gab es zuvor keinen so intensiven Kontakt der Bewohner der Russischen Föderation mit den Bewohnern der Nachbarstaaten. Als aber neue Zeiten kamen und ein solcher Kontakt entstand, wurde er natürlich zu einem weiteren willkommenen Anlass für Fremdenfeindlichkeit.
Und vergessen wir nicht, dass die Menschen aus Ländern wie Tadschikistan nicht aus einem guten Leben nach Russland kommen. Die Mutter von Kamiljon arbeitete gleich in mehreren Jobs und versuchte, nach dem Tod ihres Mannes die Familie zu ernähren – einfach weil es in Tadschikistan für eine Frau, die ohne Ernährer dasteht, kaum wirtschaftliche Möglichkeiten gibt. Und oft trägt daran die Russische Föderation selbst eine wesentliche Schuld, die in den Nachbarstaaten Zentralasiens autoritäre Regime zu stützen versucht – Regime, die im Grunde mit den eigenen Landsleuten „handeln“, um ihre Macht zu erhalten und Tadschiken, Usbeken, Kirgisen und die Menschen anderer zentralasiatischer Länder zu echten „Gastarbeiter-Nationen“ machen.
So ergibt sich: In der Heimat kann man kaum überleben und ist gezwungen, in Russland Arbeitsmöglichkeiten zu suchen – in einem Land, dessen Einwohner einen verachten und hassen, ohne überhaupt zu bemerken, dass man Opfer der Handlungen eben jener eigenen Regierung ist, die sie selbst unterstützen, wenn es darum geht, die Hegemonie des chauvinistischen Russland im gesamten postsowjetischen Raum zu bewahren.
Und wenn diese Hegemonie nicht durch Zusammenarbeit mit autoritären Regimen aufrechterhalten werden kann, dann eben durch Krieg, dann durch Tod, dann durch Raketen, dann durch die Verbrechen russischer Soldaten in Butscha und anderen ukrainischen Städten, die längst zu Symbolen grausamer russischer Barbarei geworden sind.
Und so kommt es, dass in einer Schule im Moskauer Umland, in Gorki – über das man in sowjetischen Zeiten immer gern als den letzten Zufluchtsort eines anderen schrecklichen Blutsaugers, Wladimir Lenin, erzählte, der Kinder möglicherweise nicht weniger liebte als der Teenager, der Kamiljon tötete – ein weiteres standardmäßiges russisches Tötungsdelikt geschieht. Ein weiteres standardmäßiges russisches Verbrechen.
Und zugleich sehen wir, dass die russischen Behörden und die russische Propaganda keinerlei Schlüsse daraus ziehen werden. Sie werden weiterhin vom „zersetzenden westlichen Einfluss“ fabulieren, weiterhin Hass und Intoleranz im Fernsehen schüren, das in seiner Menschenverachtung andere Medien längst weit übertroffen hat – sogar die der nationalsozialistischen Deutschland –, und das offen den Medien des Dritten Reiches nacheifert.
Man braucht sich nur die Auftritte desselben Vladimir Solovyov oder Dmitry Kiselyov anzusehen, um sich an die widerwärtigsten, ekelhaftesten und niederträchtigsten Propagandisten der Nazis zu erinnern, die später in Nürnberg als Mitverantwortliche für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden.
Und selbstverständlich liegt die Verantwortung für den Tod des zehnjährigen tadschikischen Kindes auf all diesen Menschen – von Putin, der sein Land in ein Monster verwandelt hat, bis hin zum letzten Spießbürger, der Tadschiken oder Usbeken verachtet. All diese Menschen hielten jenes Messer in Händen, das am Ende in der Brust des tadschikischen Jungen steckte.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Чисто российское убийство | Виталий Портников. 18.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.