Der Favorit. Vitaly Portnikov. 30.11.2025.

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Als der Präsident der Ukraine, Leonid Kutschma, den ersten Leiter seiner Administration, Dmytro Tabatschnyk, entließ, war ich so begeistert von dieser Entscheidung, dass ich ihm sogar den abschließenden Beitrag der Sendung „Fenster zur Welt“ widmete, die ich damals beim Fernsehsender STB moderierte. Der Beitrag war musikalisch: Protokollaufnahmen mit Tabatschnyk wurden von einem Lied der russischen Pop-Diva Alla Pugatschowa begleitet, in dem es um einen „echten Oberst“ geht, der sich als Dieb entpuppt. Denn wie bekannt, war der letzte Tropfen, der Kutschma angeblich dazu brachte, sich seines damaligen Favoriten zu entledigen, Tabatschnyks Entscheidung, sich die Schulterklappen eines Obersts der ukrainischen Armee zu verschaffen.

Es war ein offen provozierender Streich, aber wer sich an die ersten Monate von Kutschmas Präsidentschaft erinnert, versteht mich gut. Die unverhohlene Orientierung auf Moskau mithilfe eines dreisten Favoriten, der – und das hat er nie verborgen – seine Verachtung für alles Ukrainische zur Schau stellte, stellte die Frage, ob die Ukraine nach den Wahlen von 1994 überhaupt zu einem wirklich unabhängigen Staat werden könne oder ob wir uns für immer mit dem Status einer umbenannten Sowjetrepublik mit einem „roten Direktor“ an der Spitze zufriedengeben müssten. 

Die Vertreibung des prorussischen Favoriten verringerte Moskaus politischen Einfluss (wenn auch nicht den wirtschaftlichen) und schuf Bedingungen für die Stärkung staatstragender Kräfte in Kutschmas Umfeld – wie etwa Jewhen Martschuk oder Wolodymyr Horbulin. 

Doch zugleich bestätigte diese Entlassung im Laufe der Jahre eine weitere altbekannte Wahrheit: Ein autoritärer Führer braucht nicht immer einen Favoriten. In den späteren Jahren seiner Präsidentschaft ließ Leonid Kutschma niemals wieder „Tabatschnyks Fehler“ zu und erlaubte niemandem, die eigenen Vollmachten in den Händen zu konzentrieren. Doch auf seinen autoritären Führungsstil und sein fast manisches, direktorales Bedürfnis, alles und jeden zu kontrollieren, wirkte sich das nicht aus. 

Wenn man darüber nachdenkt: In der Ära Kutschma hatten wir zwei Formen des Autoritarismus – einen mit Favoriten und einen ohne – aber aus der Abwesenheit des Favoriten wurde die Autorität keineswegs zur Demokratie. Mehr noch: Mit den Jahren wurde mir klar, dass nicht Tabatschnyks Wunsch, Oberst zu werden, der wahre Grund seines Sturzes war. 

In der ersten Phase seiner Zeit in der Bankowa fühlte sich Kutschma im Präsidentensessel nicht besonders sicher. Zudem konnte Tabatschnyk eine ausgezeichnete Verbindungsperson zwischen dem neuen Präsidenten und seinen russischen Unterstützern sein – wie etwa Konstantin Satulin –, die Kutschma im Wahlkampf halfen und dafür eine großzügige Gegenleistung erwarteten. 

Als Kutschma sich schließlich im Präsidentenkabinett heimisch fühlte und eine persönliche Kommunikationslinie zu Jelzin aufbaute, wurden ihm solche Leute wie Satulin schlicht überflüssig – und damit auch Tabatschnyk. Und Kutschma, ein erfahrener Jäger, der wusste, was es heißt, in einem Hinterhalt auszuharren, nutzte die erstbeste Gelegenheit, um sich seines ehemaligen Favoriten zu entledigen und fortan autokratisch zu regieren.

Die Romanze Volodymyr Zelenskys mit Andrij Jermak zog sich so lange hin, weil Zelensky sich viel langsamer im Präsidentensessel zurechtfand als Kutschma – und physisch einen Favoriten brauchte. Jermaks Vorgänger an der Spitze des Präsidentenbüros, Andrij Bohdan, erfüllte ebenfalls weniger die Funktion eines Leiters der Kanzlei, sondern vielmehr die eines Favoriten des Präsidenten. 

Doch, wie Tabatschnyk versuchte auch er, präsidiale Befugnisse an sich zu ziehen und nicht nur neben dem neuen, auf Popularität und Applaus orientierten Präsidenten zu stehen, sondern ihn sogar zu überstrahlen. Hätte Bohdan länger als ein paar Wochen auf seinem Posten überlebt, wäre mit seinem unausweichlichen Rücktritt vielleicht die Ära der Favoriten im Präsidententum Zelensky für immer beendet gewesen und der Präsident hätte – wie Kutschma – begonnen, autokratisch zu regieren. 

Doch nach nur einem Monat Bohdan konnte Zelensky sich natürlich nicht im Präsidentenkabinett einfinden und begann daher die Suche nicht nach einem Bürochef, sondern nach einem neuen Favoriten. Und Jermak erwies sich in dieser Rolle als so bequem für den Präsidenten, dass Zelensky ihn bis zuletzt unbedingt an seiner Seite halten wollte.

Jetzt aber ist das Interessanteste die Frage, was nach diesem Rücktritt geschehen wird. Fühlt sich Zelensky nun so sicher im Präsidentenamt, dass er keinen neuen Favoriten mehr suchen wird, stattdessen einen langweiligen Bürokraten zum Leiter des Büros ernennt und autokratisch weiterregiert? 

Oder wird er versuchen, einen neuen Favoriten zu finden, um ihm den „technischen“ Teil der Macht zu delegieren und sich von der täglichen, mühevollen Arbeit nicht nur der Entscheidungsfindung, sondern auch des Nachdenkens über diese Entscheidungen und ihrer Folgen abzuschirmen? 

Oder kommt es zum Unerwarteten – und der Präsident versucht, die Ukraine wie einen demokratischen Staat zu führen –, was angesichts der enormen Herausforderungen und der Notwendigkeit echter, nicht nur äußerlicher nationaler Einheit durchaus logisch wäre? Und entschuldigen Sie, ich spreche nicht von Einheit im Allgemeinen, sondern von Einheit mit denen, die diesen Staat tatsächlich brauchen – und ihrer Zahl wird mit jedem Monat des Krieges weniger.

Doch ich setze auf die erste Variante. Auf autokratische Herrschaft ohne Favoriten. Und glauben Sie mir: Von autokratischer Herrschaft mit Favoriten wird sie sich nur dadurch unterscheiden, dass nicht mehr der Leiter des Präsidentenbüros, sondern der Präsident selbst für alle Fehler verantwortlich gemacht werden wird.

Leonid Kutschma kann das Volodymyr Zelensky im Detail erzählen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Фаворит. Віталій Портников. 30.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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