Mitleid mit den Architekten des Grauens? Vitaly Portnikov. 01.11.2025.

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In den Zeiten der Perestroika erhielten die sowjetischen Menschen eine unglaubliche Möglichkeit: sich mit dem publizistischen Erbe jener Menschen zu befassen, deren Rehabilitierung und Rückkehr in den öffentlichen Raum man sich selbst nach dem Tauwetter unter Chruschtschow nicht zu wagen getraut hatte – der ehemaligen Mitglieder des Politbüros des ZK der WKP(b) Lew Trotzki, Lew Kamenew, Grigori Sinowjew und Nikolai Bucharin.

Es stellte sich heraus, dass diese bekannten Parteifunktionäre alles wussten und alles verstanden hatten. Trotzki schrieb mehrere glänzende Bücher über den Tyrannen Stalin. Kamenew sprach von dieser Tyrannei von der Tribüne des Parteitags aus. Von dieser Tribüne aus verteidigte Sinowjew das Recht der Parteimitglieder auf eine eigene Meinung. Bucharin verteidigte die Bauern gegen Verarmung und Vernichtung. Und all diese Menschen wurden ermordet! Ich selbst schrieb eine ganze Reihe von Artikeln – die ersten in der damaligen ukrainischen Presse – über das Schicksal der repressierten sowjetischen Führer.

Doch ich empfand keinerlei Empathie. Denn ich erinnerte mich daran, dass das System, das diese Menschen schließlich verschlang, von ihnen selbst geschaffen worden war. Trotzki schuf und führte die Rote Armee an, die in einem blutigen Bürgerkrieg all jene besiegte, die von einem demokratischen Staat träumten, und darüber hinaus noch Nachbarländer besetzte. Sinowjew und Kamenew, die zwar schon seit 1917 die Verderblichkeit des Oktoberputsches erkannten und sich bei einer Sitzung des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei dagegen aussprachen, wurden dennoch Führer der neuen schrecklichen Diktatur. Bucharin hielt eine spöttische Rede auf der ersten und letzten Sitzung der verfassungsgebenden Versammlung, die von den Bolschewiki auseinandergejagt wurde. All diese Menschen begannen erst dann, sich gegen die Tyrannei zu stellen, als sich herausstellte, dass nicht sie selbst die Tyrannen waren. Welch unangenehme Überraschung!

Deshalb haben Menschen, die als Erbauer und Funktionäre autoritärer Systeme wirken und später von diesen Systemen einen Schlag in den Rücken erhalten, weil ihre Konkurrenten sich als geschickter und niederträchtiger erweisen, bei mir niemals und werden auch künftig niemals irgendein Mitgefühl hervorrufen. Menschen müssen begreifen, wem und wozu sie dienen und was sie aufbauen. Diejenigen, die sich dessen bewusst sind und verlieren, sind Schurken. Diejenigen, die sich dessen nicht bewusst sind und verlieren, sind Idioten. Die letzte Kategorie ist nicht weniger gefährlich. Denn wenn es gelingt, solche Menschen zu schützen und sie später an die Macht gelangen, werden sie schrecklicher als jene, die sie einst unterdrückten.

Denn ein Idiot bleibt immer ein Idiot.

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