Unsere ukrainische Fahne. Olena Malyarenko.

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Das sowjetische System hat eine interessante Sache mit mir gemacht. Bis zu meinem 9. Lebensjahr, geprägt von „Orljonoks“, „Aljoschas“, Timuren, Sojas, von anderen Pionier-Helden und Komsomolzen aus Krasnodon, war ich eine kleine Fanatikerin, die weinte, wenn die eine Parade sah, sich stramm vor der Fahne aufstellte und … für die Heimat sterben wollte (ich weiß nicht wie, aber diese Option eines heroischen Todes war in die Köpfe vieler sowjetischer Jugendlicher fest eingebaut). In meiner Vorstellung konnte das Vaterland sich nicht irren, und selbst wenn es sich irgendwo irrte, würde es die Gerechtigkeit später sicher wiederherstellen – es war ja die Mutter, man musste nur ohne Klagen abwarten…

Mit 12–13 Jahren, als ich für führende Pionierposten vorgeschlagen wurde und anfing, zu städtischen und regionalen Treffen zu fahren, erlebte ich einen Schock. Denn ich entdeckte den allgegenwärtigen Betrug, die Heuchelei und die Lügen. Während wir beim Lied über den „Aljoscha“ weinten, saß ein wirklicher Veteran ohne Heizung in einer kalten Hütte, die Timur-Gruppen besuchten nur ein paar vorbildliche, „richtige“ Rentner, während die politisch „Unzuverlässigen“ niemanden interessierten – auch wenn sie mit Krücken, im Müll und ohne Medikamente untergingen. Wir sprachen vom glücklichen Kinderdasein, während allein in meiner Klasse vier Kinder aus armen Familien waren, die außer der Schuluniform und einem Trainingsanzug nichts zum Anziehen hatten.

Besonders widerlich war, dass gerade die Menschen, von denen selbst ich mit 13 wusste, dass sie Diebe, Schweine, ungebildete Grobiane mit Datschen, Autos, dreisten Kindern und aufgeblasenen Geliebten waren, zu uns feierlich mit erhobener Stimme pathetische Reden hielten, Fahnen hissten – und uns beibringen wollten, die „Heimat“ zu lieben…

Am Ende des Schuljahres 1991, im April, trat ich selbst aus den Pionieren aus, verweigerte die Bewerbung für den Komsomol und … fast die ganze Klasse (30 von 36) tat es mir gleich. Es gab einen großen Skandal. Vor den Folgen rettete uns nur der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Akt der Unabhängigkeit der Ukraine (darüber habe ich schon einmal erzählt, gehe jetzt nicht ins Detail).

Aber seitdem löste jede offizielle Symbolik in mir – und tut es bis heute ein wenig – eine scharfe Abwehrreaktion aus. Besonders nachdem die Leute, die zuvor die rote Fahne küssten und Reden über die Rolle der Partei schwangen, plötzlich die blau-gelbe Fahne küssten und von ihrer Liebe zur „Mutter Ukraine“ erzählten.

Ich sage euch die Wahrheit: ich nahm alle Wappen und Fahnen der Welt ironisch wahr, auch unsere eigene. Ich wollte nicht an den pharisäischen Theatervorstellungen ehemaliger Kommunisten teilnehmen, die sich in folkloristische „Bandera-Anhänger“ verwandelten. Ich wurde anarchisch, außersystemisch. Und das haben die Sowjetunion und die Postsowjetzeit mit mir gemacht.

Natürlich lag ich falsch. Die Ukraine kann nichts dafür, dass an ihrer Oberfläche Dreck hochgeschwemmt wurde. Eine Fahne dafür zu verurteilen, dass sie von unwürdigen Menschen mit schmutzigen Händen und niederträchtigen Seelen getragen wird – das ist jugendlicher Maximalismus. Aber in diesem Maximalismus blieb ich bis 40 stecken. Ich stritt nicht mehr mit anderen, versuchte einfach, Feierlichkeiten und offizielle Veranstaltungen zu meiden. Ich ging nicht einmal zu den Verleihungen von Urkunden oder Dankesbriefen – nur, um sie nicht aus diesen schmutzigen Händen entgegennehmen zu müssen.

So war es, bis die Russen kamen…

Zuerst, 2017, schickte man mir aus Donezk ein Foto des Klassenzimmers, in dem ich einmal unterrichtet hatte – mit einem zerschossenen Porträt von Schewtschenko und einer zerrissenen ukrainischen Fahne.

Das waren meine Einkäufe für das Klassenzimmer gewesen. Ich konnte nicht verstehen, warum ich weinte, aber ich weinte – und ich fühlte Schmerz.

Und im März 2022, während einer Demonstration, sprang in Cherson ein Polizist, einer der wenigen, die die besetzte Stadt nicht verlassen hatten, auf einen russischen Panzerwagen – mit unserer Fahne! Diese Aufnahmen sah die ganze Welt. Und ich – wie zum ersten Mal, nach 44 Jahren meines Lebens und in mehr als 30 Jahren der Unabhängigkeit – SAH unsere Fahne WIRKLICH. Ich empfand STOLZ UND LIEBE. Etwas, das ich so lange nicht gefühlt hatte. Und ich weinte – vor Glück, Teil dieser Menschen zu sein, mit ihnen eine gemeinsame Fahne zu haben.

Heute schaue ich den „Einheitsmarathon“ fast gar nicht mehr. Aber von März bis Mai 2022 lief er bei mir auf YouTube ununterbrochen. Und wir, die Nachbarn, die bei mir den Marathon sahen, weinten jedes Mal gemeinsam, wenn in der Einblendung die Fahne entfaltet wurde.

Damals verstand ich: Man liebt sein Land nicht wegen seines Reichtums und Wohlstands, die Menschen nicht wegen ihrer besonderen Tugenden, den Staat nicht wegen seiner Garantien oder Vollkommenheit. Sondern, WEIL SIE DEINE SIND.

Das ist Teil von dir.

Du bist Teil davon.

Und niemand kann diese Verbindung aufheben, verbieten, zerreißen. NIEMAND.

Wenn ich heute die Russen höre, deren „Rodina“ sich nicht irren kann, die bereit sind zu sterben und andere zu töten für sie, die sich strammstellen zur Hymne – dann versteht sie mein neunjähriges Ich aus dem Jahr 1987.

Auch mir erschien damals in der Kindheit ein unheimlich wirkender Führer Wolodja nett und weise – genau so, wie ihnen heute ihr aufgedunsenes WWP erscheint.

Auch ich glaubte mit 9 Jahren, dass wir allein für das Gute stünden – und die ganze Welt gegen uns sei. Aber dann wuchs ich auf und lernte, zu zweifeln.

Nicht nur an der Richtigkeit der toten Sowjetunion, sondern auch an mir selbst, meinen Entscheidungen, an der Gerechtigkeit der Taten unseres ukrainischen Volkes, der ukrainischen Regierung. Ich habe immer meine Vision von einer freien und weisen Ukraine der Zukunft geliebt, war aber skeptisch gegenüber der postsowjetischen Ukraine der Gegenwart und spottete über die Unbeholfenheit ihrer Konstruktion von 1991–2022. Nicht, weil mir nichts heilig war. Sondern weil echte Gewissensfreiheit KULT unmöglich macht.

Ich liebe bis heute keine Massenverehrungen oder -feiern. Aber jetzt, mit einem Gefühl ähnlich der Ehrfurcht meiner 9-jährigen Selbst, schaue ich wieder auf unsere Fahne. Und ich erkenne eine einfache Wahrheit: So korrupt die Beamten, so unfähig die Abgeordneten, so heuchlerisch die Funktionäre auch sind; so verbittert und verzweifelt die Menschen auch sein mögen – sie werfen keinen Schatten auf dieses Symbol. In der Bewegung des im Wind flatternden Stoffes sehe ich andere Gesichter. Sie, die Lebenden und die Toten, verleihen allem auf wundersame Weise einen anderen Sinn. Mit ihnen ist auch die Fahne heller. Und es gibt Glauben an die Zukunft.

Schade, dass ich dafür den Krieg brauchte. Aber er ist… nicht ewig!

Ich gratuliere zum Tag der Fahne, liebe Menschen.

Möge sie frei über uns wehen.

Es lebe die Ukraine.

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