
In der Ukraine betrachtet man die künftigen Beziehungen unseres Landes zu Russland gern durch das Prisma seines möglichen Zerfalls. Wie oft haben wir schon gehört, dass die wahre Sicherheit der Ukraine nur durch den Zerfall der Russischen Föderation garantiert werden könne; wie viele Experten haben uns erklärt, dass der Krieg gegen die Ukraine genau zu diesem Zerfall führen werde, dass die Schwächung der Staatlichkeit infolge dieses Krieges das Abspaltungsstreben der Bevölkerung nationaler Republiken – und vielleicht auch russischer Regionen – verstärken könne. Und dass von der Russischen „Imperie“ nichts mehr übrigbleiben werde.
Gleichzeitig gibt es keinerlei objektive Anzeichen für eine solche Entwicklung. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Prozess der Russifizierung der Völker Russlands nur verstärkt und eine Dynamik erreicht, wie sie nicht einmal zu Sowjetzeiten zu beobachten war. Auch der regionale Separatismus ist irgendwo in ferner Vergangenheit geblieben – und selbst in den 1990er Jahren war er eher ein Instrument zur Kontrolle über Finanzströme als ein echtes Bestreben und, vor allem, eine echte Möglichkeit, etwa eine „Ural-Republik“ zu gründen. Zugegeben, die nationalen Bewegungen der Völker der Russischen Föderation erhielten damals einen wirklichen Impuls vor dem Hintergrund der Abspaltung der Unionsrepubliken; doch ohne deren Unterstützung, ohne die Nachbarschaft zu ihnen im Rahmen eines gemeinsamen Staates, waren diese Bewegungen zum Scheitern verurteilt – umso mehr nach der blutigen Unterwerfung Itscheriens.
Und wenn man es objektiv betrachtet, ist die Russische Föderation kein Imperium, sondern ein Überbleibsel eines Imperiums. Doch es ist kein Überbleibsel, das unter Phantomschmerzen über verlorene Länder und Völker leidet. Es ist ein Überbleibsel, das diese Länder und Völker als legitime Zone des eigenen Einflusses und sogar als potenziell eigenes Territorium betrachtet.
Die Ukraine und die meisten anderen ehemaligen Sowjetrepubliken verließen die Sowjetunion, um sie zu vergessen. Russland verließ sie, um sie wiederherzustellen – allerdings mit anderer Führung und neuen Instrumenten des Einflusses, vor allem wirtschaftlichen. Daher die Konstruktion der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, andere russische Integrationsprojekte, die ständige Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Nachbarn und die Unterstützung des Separatismus in jeder Form.
Das, was wir in den 1990er Jahren als endgültigen Zerfall des Imperiums wahrnahmen, war in Wirklichkeit eher eine Phase des „Halbzerfalls“. Und der endgültige Zerfall begann genau in dem Moment, als im Kreml die Geduld riss und Putin anstelle von Wahleinflussnahme, wirtschaftlicher Erpressung und Bestechung der Eliten zu einem echten Krieg griff – mit Raketen, Panzern und Hunderttausenden von Toten.
Wenn man den Krieg gegen Georgien oder sogar die Annexion der Krim noch mit geschlossenen Augen als „Exzess“ hinnehmen konnte, ließ der große Krieg gegen die Ukraine den Eliten der ehemaligen Sowjetrepubliken keinerlei Zweifel daran, wie Putin zu ihrer Staatlichkeit steht. Die Bevölkerung mag noch zweifeln – dafür ist sie postsowjetisch. Aber für einen Alijew oder Tokajew kann es keine Illusionen mehr geben.
Deshalb begann praktisch von den ersten Tagen nach dem Scheitern von Putins Blitzkrieg an die fieberhafte Suche nach neuen Sicherheitsgaranten für all jene, die noch keine hatten. Deshalb stimmen der Präsident Aserbaidschans und der Premier Armeniens zu, dass der wichtigste regionale Verkehrskorridor von den Vereinigten Staaten und nicht von Russland kontrolliert wird. Deshalb feiert der Präsident Kasachstans seinen Geburtstag in Gesellschaft des Staatschefs der VR China. Deshalb nennt sich sogar Lukaschenko – in allem abhängig von Putin, eine echte Marionette auf fremden Bajonetten – selbst einen „Trumpisten“. Hätte er nur die geringste Möglichkeit, er würde zweifellos fliehen.
In Wirklichkeit ist das genau der wahre Prozess des Zerfalls des Imperiums – vermutlich nicht so auffällig wie das Bild eines inneren Zerfalls der Russischen Föderation selbst, aber viel realer. Ein Prozess des „Halbzerfalls“ kann entweder zur Wiederherstellung imperialer Staatlichkeit führen, wenn auch nur für kurze Zeit, oder zum endgültigen Zusammenbruch.
Was wir jetzt beobachten, ist genau der Prozess des endgültigen Zusammenbruchs – ausgelöst durch die Überheblichkeit und den Dogmatismus Putins und anderer Tschekisten. Denn ohne den großen Krieg hätte sich der Halbzerfall noch lange, sehr lange hinziehen können.
Es ist Putin – was auch immer er in Zukunft noch aushandeln mag – nicht gelungen, die wichtigste Aufgabe der imperialen Wiederherstellung zu erfüllen: die Unterwerfung der Ukraine. Stattdessen hat er vielleicht die der Russland am nächsten stehende ehemalige Sowjetrepublik für Jahrzehnte, wenn nicht für Jahrhunderte, zu einem Feind gemacht – und alle anderen verängstigt.
Damit endet die Geschichte des russischen imperialen Projekts. Sein Schöpfer, der erste russische Kaiser Peter I., richtete es nach Europa aus. Sein heutiger Zerstörer hat die Moskauer Staatlichkeit zurück nach Asien gewendet und prahlt damit, dass seine Verwandten Chinesisch lernen – ein solcher Kotau vor dem Osten war zuletzt wohl nur in den Zeiten der Kämpfe um die „Jarlyks“ der Goldenen Horde zu beobachten.
Und das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Jagd nach dem Phantom eines verlorenen Imperiums folgerichtig in Peking endet.