Die Videoaufnahmen, die die reale Situation der israelischen Geiseln zeigen – entführt von der Terrororganisation Hamas bereits am 7. Oktober 2023 –, haben im Westen erwartungsgemäß für Schock gesorgt.
Der französische Präsident Emmanuel Macron, der gerade demonstrativ einen palästinensischen Staat anerkannt hat, fordert nun von der Hamas die Freilassung der Geiseln und ein Ende des Kriegs. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte sich empört über das Schicksal der unschuldigen Menschen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, Hamas müsse entwaffnet und die Kontrolle über den Gazastreifen abgeben. Übrigens äußern sich in ähnlicher Weise auch Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Noch vor Kurzem jedoch stand die Lage der Zivilbevölkerung in Gaza im Mittelpunkt – die humanitäre Katastrophe, die in den letzten Wochen durch das destruktive Handeln der Hamas-Administration entstanden ist: Zuerst missbrauchte sie ihre Mitbürger als menschliche Schutzschilde, um sich gegen das Vorrücken der israelischen Armee zu verteidigen – und jetzt benutzt sie dieselben Menschen als Druckmittel, um Israel zu einem Waffenstillstand zu zwingen und der Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen zu sichern.
Über die israelischen Geiseln sprach fast niemand. Der Westen reagiert vorhersehbar: impulsiv, auf Bilder und Videos. Aber man würde doch gern fragen, wie sich – in der Vorstellung von Emmanuel Macron oder Friedrich Merz – Menschen fühlen sollen, die seit Jahren in den Händen einer grausamen, fanatischen und terroristischen Organisation leben, die alles andere als humanistisch ist.
Gerade deshalb versucht Israel ja nicht nur, seine Bürger aus den Kerkern der Hamas zu befreien, sondern auch der Existenz dieser Terrororganisation ein Ende zu setzen – einer Organisation, die, solange sie den Gazastreifen kontrolliert, Israel angreifen wird, wann immer sich die Gelegenheit bietet.
Auch das ist Realität, die man nicht ausblenden darf. Seit den ersten Tagen nach der Geiselnahme im Gazastreifen ist der Gedanke, den Krieg gegen die Freilassung Unschuldiger einzutauschen, aktuell geblieben. Doch Hamas denkt gar nicht daran – stattdessen stellt sie immer neue Bedingungen für die Freilassung der beim Terrorüberfall vom 7. Oktober 2023 verschleppten israelischen Bürger.
Mich interessiert schon lange, wie man in westlichen Hauptstädten dazu steht, dass Hamas Unschuldige gegen Terroristen austauschen will – gegen Menschen, die an Anschlägen, Morden, Sabotageakten, Bombenattentaten beteiligt waren, allesamt gegen israelische Zivilisten gerichtet. Warum müssen für die Freilassung Unschuldiger Terroristen entlassen werden, die von einem rechtsstaatlichen und fairen Gericht verurteilt wurden?
Doch das sind heute fast belanglose Fragen, denn wir wissen längst, was nach dem 7. Oktober 2023 wirklich begann – und wie bestimmte Kreise im Westen die Nahosttragödie als Vorwand nutzen, um das jüdische Staat anzugreifen und eine antisemitische Welle zu verstärken, die nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg scheinbar verschwunden war – oder zumindest als gesellschaftlich inakzeptabel galt, selbst für die zahlreichen Antisemiten, die in keiner westlichen Gesellschaft je verschwunden sind: Menschen, die Zeugen oder sogar Beteiligte am Holocaust waren und das Morden an ihren jüdischen Nachbarn mit angesehen haben.
Heute findet dieser nicht verarbeitete Hass seinen Ausdruck auf Demonstrationen unter den Fahnen eines immer noch nicht existierenden palästinensischen Staates und in antiisraelischen Parolen. Und angesichts der Stimmung ihrer potenziellen Wählerschaft scheuen sich selbst Politiker nicht, an diesen postnazistischen und postfaschistischen Demonstrationen teilzunehmen – dieselben Politiker, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch nicht hätten vorstellen können, sich mit solcher Hetze zu beflecken.
Die Realität sieht indes genau so aus, wie sie nun einmal aussieht: Hamas will die Vernichtung der israelischen Bevölkerung und die Zerstörung des jüdischen Staates. Das ist ihr politisches Hauptziel. Und sie wird es verfolgen, solange sie existiert.
Dabei genießt die Organisation nahezu vollständige Unterstützung – sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland, wo die Palästinensische Autonomiebehörde an der Macht ist. Diese wird von der Mehrheit der Bevölkerung nicht ernst genommen, gerade weil sie nicht hart oder laut genug die Zerstörung Israels fordert – also nicht entschlossen genug in der Rhetorik ist, die Hamas in ihrer Radikalität verkörpert.
Ganz Palästina – auf dem Gebiet des ehemaligen britischen Mandats – das ist es, was man im Westjordanland und im Gazastreifen will. Das ist es, was die Anhänger der Hamas und vieler weiterer palästinensischer Terrorgruppen fordern.
In diesem Sinne lügt der Korps der Islamischen Revolutionsgarden nicht, wenn er sagt, die Schaffung von zwei Staaten im Nahen Osten sei ein „Gewaltakt gegen das palästinensische Volk“. Er drückt damit aus, was nahezu jeder Bewohner von Ramallah oder Rafah tatsächlich denkt. Und daran lässt sich nichts ändern – außer durch jahrelange, systematische Aufarbeitung. Ohne die Vernichtung der Terroristen, ohne eine langfristige, ernsthafte, geduldige Arbeit mit ihren Unterstützern – so wie man sie in Europa mit der Bevölkerung unter ehemaligen NS- oder faschistischen Regimen geleistet hat. Und das, obwohl auch dort die Mehrheit die Diktaturen einst unterstützt hatte.
Die Vorstellung, man könne mit Hamas Frieden schließen, ist dieselbe Utopie, mit der sich auch viele nützliche Idioten der Linken weltweit trösten – genau wie die Idee, man könne mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verhandeln. Noch vor Kurzem dachte auch der Präsident der Vereinigten Staaten so – doch inzwischen scheint auch er begriffen zu haben, dass es mit Hamas nichts zu verhandeln gibt.
Wenn die Hamas die Zerstörung Israels zum Ziel hat und Russland die Vernichtung der Ukraine, dann werden ihre Führer und Anhänger dieses Ziel um jeden Preis verfolgen – und sich selbstverständlich auf keinen Kompromiss einlassen. Terror und Aggression lassen sich nur aufhalten. Wenn das nicht gelingt, dann muss man sich auf einen langen und düsteren Krieg einstellen – mit großem Leid für die Zivilbevölkerung.
Israel ist militärisch stärker als Hamas im Gazastreifen. Deshalb leidet dort die palästinensische Zivilbevölkerung mehr. Die Ukraine ist schwächer als Russland. Deshalb leidet dort die ukrainische Zivilbevölkerung mehr. So funktioniert der Krieg. Es leidet nicht, wer im Recht ist, sondern wer schwächer ist. Und wenn jemand militärisch stärker wird, schlägt sich das zwangsläufig auch auf die Zivilbevölkerung der angreifenden Seite nieder. So war es mit dem Gazastreifen. Und so ist es jetzt auch mit den russischen Grenzgebieten, wo die Zivilbevölkerung durch ukrainische Angriffe auf russische Militärziele ebenfalls zu Schaden kommt.
Diese Logik des Krieges mag einem nicht gefallen. Man kann sie ignorieren, verdrängen, so tun, als gäbe es sie nicht. Aber sie verschwindet deshalb nicht. Wenn man sich für eine Seite entscheidet, weiß man ganz genau, was man tut. Wer mit palästinensischer oder russischer Flagge demonstriert, weiß genau: Er unterstützt Terror, Mord und Aggression. Und keine Bilder palästinensischer oder russischer Kinder auf diesen Fahnen werden jemals rechtfertigen, was Hamas oder Russland tun. Sie werden nicht rechtfertigen, dass Hamas bereit ist, bis zum letzten Juden zu kämpfen – selbst wenn dafür unzählige Palästinenser sterben müssen. Genauso wenig wie Russland bereit ist, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen – selbst wenn dabei Millionen Russen umkommen.
Man muss sich immer erinnern: Wer ist der Aggressor? Wer hat den Krieg begonnen? Und was ist sein Ziel? Wer dieses Verständnis verweigert, wird zwangsläufig zum Komplizen von Terror und Krieg – selbst wenn er Fehler oder Versäumnisse aufseiten derer sieht, die sich gegen diesen Krieg verteidigen.