Dreckiges Rad. Vitaly Portnikov – über ungleiche Nationen. 15.09.25.

https://www.svoboda.org/a/gryaznoe-koleso-vitaliy-portnikov-o-neravnopravnyh-narodah/33114992.html?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR0o-NUtOy-ePOzpl3YqeKiZYK4WyA_wssI13TSyDIbUO87cm8yzzqOA_io_aem_Tr8tj4PfrC0oOKNPDvm8qg

Die Debatte zwischen den Befürwortern des „schönen Russlands der Zukunft“ und denjenigen, die seine Dekolonisierung befürworten und seinen endgültigen Zusammenbruch als Folge der Niederlage im Krieg mit der Ukraine vorhersagen, verlagert sich von den sozialen Netzwerken und Fernsehstudios auf hohe Podien. Und schon spricht Julia Nawalnaja, die sich als Erbin des sozialen Kapitals ihres in Putins Gulag verstorbenen Mannes positioniert, abfällig über die „Entkolonisierer“ und wundert sich über die Aufmerksamkeit, die ihren utopischen Ansichten zuteil wird. Und als Alternative zu dieser Utopie schlägt sie natürlich vor, an ein demokratisches europäisches Russland zu denken, ein „schönes Russland der Zukunft“. Dies ist natürlich kein utopisches Projekt; wir müssen nur auf Putins Tod oder seine Beseitigung durch seine unzufriedenen Partner warten, und alles wird gut.

Aber selbst wenn wir das Programm zum Aufbau eines „schönen Russlands der Zukunft“ als reales Projekt und nicht als Traum oder Utopie des Anti-Korruptions-Teams betrachten, sollten wir dennoch die Frage beantworten: Was sind die Gründe für Russlands derzeitigen Angriffskrieg gegen die Ukraine – ein Krieg, der es Putins Totalitarismus ermöglicht hat, sich endgültig zu konsolidieren und selbst die Pappdekorationen der Demokratie aufzugeben, die von den letzten erlaubten Medien- und Anti-Korruptions-Projekten präsentiert wurden, ein Krieg, der die Ermordung von Nawalny und die jahrzehntelange Inhaftierung von Menschen wegen ihren Posts in den Sozialmedien ermöglicht hat. Ist es nicht die Überzeugung anderer – nicht der Anti-Korruptionisten, sondern der Korruptionisten -, dass der Zusammenbruch Russlands unmöglich ist und dass jede Handlung, die mit diesem Zusammenbruch oder mit dem Verlust der Rolle Russlands in seiner „natürlichen Einflusszone“ im postsowjetischen Raum zu tun hat, unterdrückt werden sollte? War die faktische Besetzung eines Teils des Territoriums der Republik Moldau durch die russische Armee, der Krieg in Georgien, der Krieg in Tschetschenien, die Besetzung und Annexion der Krim, der Krieg im Donbass und der Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 nicht mit dieser Vorstellung von Russland als Imperium verbunden? Und wann, bitte schön, ist die Popularität der russischen Regierung – von Jelzin bis Putin – gesunken, und wann ist die Bewertung in kosmische Höhen gestiegen? Wann wurden diese Kriege verloren, wann wurden sie gewonnen? Wie haben die meisten Russen auf die Annexion der Krim reagiert? Gab es unter denen, die der chauvinistischen Hysterie erlagen, auch Anti-Korruptions-Aktivisten und andere Regimegegner, die erst im Februar 2022 plötzlich erkannten, was für ein blutiges Chaos ihre Regierung angerichtet hatte? Oder forderten sie mit glänzenden Augen die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine und nahmen die Annexion übel, anstatt die Einwohner des angegriffenen Landes zu ermahnen, dass die Krim kein Butterbrot sei und dass ein Referendum abgehalten werden sollte, um die Bevölkerung über die Zukunft des von der russischen Armee eroberten Gebiets zu befragen? Wie passierte es tatsächlich?

Würden die Befürworter des „schönen Russlands der Zukunft“ in einer Welt historischer Tatsachen und nicht in einer Welt infantiler Illusionen leben, wüssten sie, dass die wirklichen Befürworter des Wandels in Russland – diejenigen, die die Macht anstrebten, anstatt im äußeren oder inneren Exil zu sterben – gezwungen waren, mit dem imperialen Charakter ihres abscheulichen Staates und seinem möglichen Zusammenbruch zu rechnen. Lenin schrieb über die Selbstbestimmung der Nationen zu einer Zeit, als für die meisten seiner Landsleute das „eine und unteilbare“ Russland eine Konstante war. Die Bolschewiki mussten die Unabhängigkeit Finnlands und Polens, der Ukraine, des Südkaukasus und der baltischen Staaten akzeptieren, um ihre eigene Macht zu erhalten. Übrigens, wenn die Führer der neuen Staaten versuchten, sich mit der demokratischen Regierung Russlands oder mit Vertretern der weißen Bewegung zu verständigen, stießen sie stets auf eine ablehnende Haltung. Denn um des Mythos einer geeinten und unteilbaren Russlands willen waren die Denikiner bereit, das Schicksal ihres eigenen Volkes zu opfern, und nicht nur das Schicksal irgendwelchen Kleinrussen.

Um die Konfrontation mit dem Unionszentrum zu gewinnen, musste Jelzin den Zusammenbruch der Sovietunion akzeptieren, die Unabhängigkeit der Unionsrepubliken anerkennen und über die Souveränität der Republiken in Russland selbst sprechen. Übrigens, als die Führer der Unionsrepubliken und der nationalen Bewegungen in der Zeit der Perestroika versuchten, sich mit eben diesem Zentrum auf eine Koexistenz oder einen friedlichen Austritt aus der Union zu einigen, wurden sie mit Truppen, Internierungslagern und verschiedenen Provokationen wie dem „unabhängigen Transnistrien“ konfrontiert.

Zum anderen entpuppten sich diejenigen, die bereit waren, den Zusammenbruch des Russischen Reiches oder der Sowjetunion zu akzeptieren, auch als banale Chauvinisten und Draufgänger, die diesen Zusammenbruch als Werkzeug und nicht als Wiederherstellung der wahren Gerechtigkeit nutzten. Die bolschewistische Armee fiel Anfang der 1920er Jahre in die Ukraine und nach Weißrussland, in den Kaukasus und nach Zentralasien und Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre nach Finnland, Polen und in die baltischen Staaten ein. Die Armee des neuen Russlands bezog in Transnistrien und im Kaukasus Stellung und ging in den frühen 20er Jahren unseres Jahrhunderts in die Ukraine, nach Weißrussland und in Zentralasien – nach Kasachstan. Die 30er Jahre sind einfach noch nicht gekommen. Und jedes Mal wird diese imperiale Offensive den Sieg der Reaktion und den Zusammenbruch aller Hoffnungen bedeuten. Das selbe rote, schmutzige, blut- und scheißebefleckte Rad der russischen Geschichte.

Wie also kann dieses Rad gestoppt werden? Mit Kindheitsträumen, mit Geschichten über das russische Volk, das wie andere Völker des Reiches unterdrückt wurde? Oder mit der Erkenntnis, dass die unterdrückte Mehrheit immer noch mehr Chancen hat als die unterdrückte Minderheit? Dass es das russische Volk von vielen Millionen ist und nicht ein paar tausend Tuwiner oder Burjaten, die bestimmen, wer an der Macht ist und wer für diese Macht verantwortlich ist?

Ich bin zutiefst erstaunt, dass selbst jetzt, im XXI. Jahrhundert, die Anhänger des „neuen Russlands“ nicht sehen, wie das alte Russland in Wirklichkeit die kleinen indigenen Völker des Landes zerstört, ihre Vertreter zur Schlachtbank schickt, sie ihrer Zukunft beraubt – und übrigens auch ihrer Vergangenheit, indem es ihre Geschichte und ihr kulturelles Erbe verfälscht und ihnen sogar das Recht auf ihre Muttersprache verweigert. Ganz Russland hängt dem Autonomen Kreis der Chanten und Mansen und des Autonomen Kreise der Jamal-Nenzen an der Tasche, aber die Ureinwohner dieser „Autonomien“ verkümmern buchstäblich – und bald werden sie nicht einmal mehr die Bücher ihrer eigenen Schriftsteller lesen können. Aber in Rublevka werden Villen gebaut, und die liberale Intelligenz beklagt weiterhin die Verdrängung der russischen Kultur aus der „Peripherie“. Vielleicht sollte man zuerst an die Mansi-Kultur denken? Um den Gesundungsprozess zu beginnen.

Ich habe nie die utopische Idee unterstützt, Russland in eine Reihe von Ländern nach regionalen Gesichtspunkten aufzuteilen. Ich verstehe nicht, warum das russische Volk in verschiedenen Pseudostaaten leben sollte, und ich finde es nicht fair, dass sich jemand durch die Ausrufung eines unabhängigen Sibiriens oder Ingermanlands der historischen Verantwortung für die Verbrechen der imperialen Mehrheit entziehen will. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass ein Russland der ungleichen Nationen, ein Russland, das imperiale Territorien der Vergangenheit beansprucht, ein Russland der Unterdrückung und Einschüchterung keine Zukunft hat. Das imperiale Russland kann niemals demokratisch werden, gerade weil seine Völker am ersten Tag der Demokratie flüchten werden, weil sie sich an die Bedrohung ihrer Existenz im Zusammenleben mit dem „großen Bruder“ erinnern. Russland wird also immer Putin und Krieg brauchen, bis die Russen endlich die Idee aufgeben, anderen – Ukrainern, Armeniern, Tuwinern, Tschetschenen, wer auch immer – ihre Kultur und Geschichte, ihre Sprache und ihre Vorstellung von Zivilisation aufzuzwingen. Lasst sie einfach in Ruhe, bitte! Wenn ihr wirklich eine normale Zukunft wollt, wenn ihr einfach nur Menschen werden wollt.

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