Reporterjahre – Wie Professionalität das Fundament der Wahrheit bildet. Vitaly Portnikov. 04.09.2025.

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Wenn man sich heute an das Jubiläum der ersten unabhängigen Nachrichtensendung im ukrainischen Fernsehen erinnert – an deren internationalem Segment ich ebenfalls die Ehre hatte mitzuwirken –, denke ich über meine Karriere nach, an die sich fast niemand erinnert und die doch das Fundament meiner gesamten Tätigkeit wurde. Über meine Arbeit als Reporter.

Ich bin auch heute noch überzeugt, dass es ohne diese Arbeit, ohne die unmittelbare Nähe zu Ereignissen und Menschen, kein wirkliches Bild der Welt geben kann. Und ich bin stolz auf meine Leistungen. Ich habe tatsächlich Grund, stolz zu sein. Ich war der Erste, der über die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine berichtete. Davon bin ich überzeugt, denn ich hielt die Eingangstür der Telefonzelle im Kommunikationsraum der Werchowna Rada fest geschlossen, in die meine Kollegen zu gelangen versuchten – Handys gab es damals natürlich nicht. Ich führte das erste gedruckte Interview mit Tschornowol nach seiner Entlassung aus den Lagern. Und ich war der erste ukrainische Journalist, mit dem Gorbatschow ein Einzelgespräch führte. Ich war der Erste, der nach Transnistrien fuhr, kurz vor Ausbruch der Kampfhandlungen. Und der Erste, der nach Kosovo reiste und sich mit den Anführern der Kosovaren traf. Ich besuchte die Kongresse der Volksfronten der baltischen Staaten – selbstverständlich ohne offizielle Dienstreise, denn Dienstreisen durften nur innerhalb der Grenzen der Ukrainischen SSR stattfinden – und ich bin stolz darauf, dass meine Reportagen aus Tallinn, Vilnius und Riga zur Entstehung der Volksbewegung beitrugen. Übrigens war auch meine Veröffentlichung über den Beginn des Volksbewegungskongresses die erste. Ich fuhr nach Horliwka, als dort die Bergleute streikten, und zu den Flüchtlingslagern aus dem Kosovo in Mazedonien. Und natürlich berichtete ich über alle ukrainischen Proteste nicht vom Büro aus, sondern vom Chreschtschatyk.

All dies rufe ich mir nicht ins Gedächtnis, um anzugeben – auch wenn mein Größenwahn allgemein bekannt ist. Sondern um zu erklären, dass ein realistisches Bild der Welt auf Professionalität und Lebenserfahrung beruhen muss – und nicht auf der Fähigkeit, sich mehr oder weniger elegant vor eine Kamera zu setzen. Ein guter Reporter kann zum Publizisten oder Analysten werden. Wer jedoch unsere Profession nicht durchlaufen hat, bleibt ein Fantast, auch wenn er ein populärer Blogger wird. Seine Fantasien können zwar den Fantasien eines Teils seiner Zuhörerschaft entsprechen und sowohl ihn als auch diese Zuhörer in den Abgrund führen. Und gerade jetzt, wo wir Profis gezwungen sind, sowohl im Journalismus als auch in der Politik mit Dilettanten und Abenteurern zu konkurrieren, ist unsere Aufgabe, jene vor Illusionen und Untergang zu bewahren, die uns vertrauen und den Wert von Professionalität verstehen. Diejenigen aber, die Abenteurern und Scharlatanen vertrauen, werden wir ohnehin nicht retten können.

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