
Wir lernten uns bei einem Seminar kennen, das ein europäischer Korrespondent für eine der wichtigsten sowjetischen Zeitungen an der Fakultät für Journalismus der Universität Moskau führt . Der große, athletische junge Mann war von einem anderen Institut auf der gegenüberliegenden Seite Moskaus zu diesem Seminar gekommen. Seine aufrichtige Begeisterung für das Europa jenseits des inzwischen fast zerfallenen Eisernen Vorhangs wäre nicht verwunderlich gewesen – wir alle träumten damals von der „wirklichen“ Welt -, wenn da nicht eine geografische Besonderheit wäre.
Er war aus Pjöngjang. Er kam aus Pjöngjang, und gleichzeitig kannte und verstand er Europa besser als viele von uns. Aber er kannte und verstand auch Korea, was wir überhaupt nicht verstanden haben.
Bis zu einem gewissen Punkt versuchte ich mit ihm nicht über die koreanische Politik zu sprechen, zumal er mir erklärte, er stamme aus einer einfachen Familie. Aber irgendwann in unserem Gespräch erwähnte ich die Nachrichten über das mysteriöse Verschwinden eines nordkoreanischen Beamten, die ich gelesen (oder besser gesagt in einer westlichen Radiosendung gehört) hatte. Und er antwortete irgendwie beiläufig, dass dieser Beamte, zumindest bis vor einigen Monaten, nicht verschwunden sei, das ganze würde nicht stimmen. Ich fragte ihn natürlich, woher er das wisse, und er antwortete, dass dieser Beamte (übrigens ein Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Partei) ein Freund seines Vaters gewesen sei.
– „Aber Sie sagten doch, Sie kämen aus einer einfachen Familie!“, konnte ich es nicht mehr aushalten.
– „Natürlich aus einer einfachen Familie“, wunderte er sich. „Wir haben nur eine besondere Familie, die Familie Kim Il Sung… eine Dynastie…“.
Der Autoritarismus bringt viele Varianten des Elends hervor, weshalb er, wie jeder schmerzhafte Zustand, viel interessanter zu studieren ist als die vielfältige, aber sich wiederholende Demokratie. In einer Demokratie gibt es Höhen und Tiefen, es werden Stadtvierteln und Entbindungskliniken gebaut, Politiker debattieren über Steuern, bis sie heiser sind, aber man weiß immer, wie es ausgeht – es wird Neuwahlen geben, einen Regierungswechsel, neue Leute, neue Höhen und Tiefen… Im Autoritarismus gibt es meist nur ein Gesicht, und das Ende ist unvorhersehbar – das ist das eigentliche antike Drama mit ihren Wendungen und dunklen Straßen! Wer hätte in den späten 1940er Jahren, als Stalin kommunistische Regimen in Europa und Asien errichtete, gedacht, dass ein kleiner sowjetischer Offizier auf einem Teil der koreanischen Halbinsel eine echte Erbmonarchie unter roter Flagge errichten würde!
Die Voraussetzungen dafür waren übrigens bereits gegeben. Weder Stalin noch Mao betrachteten Nordkorea als echten Staat, denn sie hofften, ihre Macht über die gesamte koreanische Halbinsel zu etablieren. Die Regierung in Pjöngjang war also die Regierung eines besetzten Gebietes – und wer weiß, wie das Schicksal ihrer Führer ausgesehen hätte, wenn es ihnen gelungen wäre, den Befehlen Moskaus und Pekings zu folgen und die Macht über ganz Korea zu erlangen. Auf jeden Fall hat Stalin nicht Kim Doo-bong, den Führer der koreanischen Kommunisten, zum Führer eines Teils Koreas ernannt, sondern die Macht einem ehemaligen Partisanenführer und sowjetischen Offizier, dem Hauptmann der Roten Armee Kim Il-sung, anvertraut, ähnlich wie Putin nach der Besetzung eines Teils des Donbass die Führung des besetzten Gebiets Oleksandr Sachartschenko anvertraut hat. Und höchstwahrscheinlich hätte Kim Il-sung das Schicksal dieses „Feldkommandeurs“ geteilt, wenn er nicht im Koreakrieg verloren hätte. Dieser Niederlage schmälerte einerseits Kims Bedeutung in den Augen von Stalin und Mao und schuf andererseits die Voraussetzungen dafür, dass der Genosse Hauptmann (jetzt natürlich ein Marschall) die volle Kontrolle über das von der Roten Armee eroberte Stück koreanischen Bodens erhielt. Und noch einmal: Kim Il Sung war kein Parteifunktionär, kein Komintern-Funktionär, kein ideologischer Dogmatiker. Er war ein einfacher Bauernjunge, der sich seine Zukunft mit der Waffe in der Hand erkämpfte. Ich weiß nicht, ob er kommunistische Bücher gelesen hat – aber seine Memoiren überzeugen mich davon, dass er es nicht tat. Aber er wollte ein echter koreanischer Monarch werden, und er wurde es. Er wurde einer, trotz des Systems der kommunistischen Nomenklatur, die zwar eine kollektive Führung und Versammlungen vorsah, aber keine Machtübergabe vom Vater auf den Sohn. Trotz der offenkundigen Verachtung seiner „älteren Genossen“, die ihn weiterhin als Söldner betrachteten, der das einst von ihnen besetzte Territorium verwaltete, und ihm nicht einmal einen Besuch abstatteten – nie während der gesamten Existenz der Sowjetunion flog einer der Generalsekretäre dorthin. Sie waren bereit in alle europäischen Hauptstädte des „sozialistischen Lagers“ zu reisen, nach Kuba zu fahren und Fidel auf den Mund zu küssen, sogar die Mongolei zu besuchen, aber nie die DVRK! Aber keiner der Führer, die Chruschtschow oder Breschnew begrüßten, schaffte es, Monarch zu werden und eine Dynastie zu gründen.
Nur der kleine Hauptmann, der seine von der japanischen Besatzung befreiten Landsleute in eine Herde eingeschüchterter Leibeigener verwandelte und sie an die unbegreifliche Göttlichkeit seiner aus dem Gebiet Chabarowsk rauskatapultierten Familie glauben ließ, schaffte dies.
Obwohl er wahrscheinlich überrascht gewesen wäre zu erfahren, dass der Inhaber des Kremlbüros jetzt seinen Enkel, eine Kopie seines Großvaters, besucht und um Granaten und Soldaten für die ukrainische Front bettelt.
So etwas kann schließlich nur passieren, wenn ein kleiner sowjetischer Hauptmann zum Marschall einer gestohlenen Welt wird und ein kleiner schäbiger Oberstleutnant beginnt das Land der sowjetischen Marschälle zu regieren.