Reise in die Zukunft. Warum wurde Putin noch nicht bestraft? Vitaly Portnikov. 20.07.24

https://www.radiosvoboda.org/a/reys-mh-17-putin-viyna/33044161.html?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR1SQ-vEkcTC1MavS14_lJXjjZ8vkbVVqvblHGAsSiLELw4LomADF29ksrk_aem_kiblFwL3mYczGuf1Bo1Ifg

Der zehnte Jahrestag des Abschusses des Flugzeugs der Malaysian Airlines durch das russische Militär wurde von fast allen führenden Medien der Welt erwähnt. Der Absturz, der vor zehn Jahren als das schrecklichste Symbol des von Russland gegen die Ukraine geführten Krieges bezeichnet wurde, hat jedoch neuen großen Tragödien Platz gemacht, und seine Organisatoren wurden nicht nur nicht bestraft, sondern planen weiterhin neue Kriege und neue Morde.

Ich erinnere mich noch gut an den Schock, der die Welt am Abend nach der Nachricht vom Absturz des Flugzeugs erfasste. Die Menschen brachten Blumen zu den Botschaften, Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens forderten ein Ende des Krieges.

Ich würde sogar sagen, dass die Welt erst nach diesem Verbrechen die Tragödie und das Ausmaß dessen begriffen hat, was „vor Ort“ – auf dem Boden der Ukraine – geschah, denn vor dem Tod der malaysischen Passagiere sahen viele Menschen den Angriff Russlands auf die Ukraine als einen weiteren unverständlichen regionalen Konflikt „weit weg“ von der Zivilisation. Und dann wurde allen klar, wohin die Ambitionen Wladimir Putins führen können.

Putins Russland ist endgültig in die UdSSR zurückgekehrt.

In Wirklichkeit war es eine Reise in die Zukunft, in unsere nahe Zukunft. Denn da wurde deutlich, dass Russland keine Angst vor dem Töten von Menschen hat, dass Moskau sich nicht entschuldigen oder rechtfertigen wird. Und das bedeutete, dass Putins Russland endgültig in die Sowjetunion zurückkehrte, zur Zeiten als diese den südkoreanischen Passagierflugzeug zerstört hat.

Dieses Verbrechen war eine der traumatischsten Erinnerungen meiner Kindheit, als ich den sowjetischen Generalstabschef, Marschall Nikolai Ogarkow, im Fernsehen sah, schämte ich mich zutiefst, dass ich Bürger eines so kriminellen, verbrecherischen Staates war, in dem der Wert des menschlichen Lebens gleich Null war. Die Unabhängigkeit der Ukraine war für mich übrigens auch deshalb wichtig, weil sie mir die Möglichkeit eröffnete, diesen barbarischen Staat nicht durch Auswanderung, sondern gemeinsam mit meinem Land loszuwerden. Aber der barbarische Staat selbst ist, wie sich herausstellte, nicht verschwunden, sondern hat seine blutige Ernte fortgesetzt. Und damals vor 10 Jahren war ich von Wut erfüllt. Wut, nicht Scham – das war auch der Fortschritt eines jahrzehntelangen Lebens ohne die Sowjetunion. Aber die Menschen starben weiter…

Der Flug MH-17 war auch deshalb ein Flug in die Zukunft, weil er die Bereitschaft der russischen Führung, Verbrechen jeglichen Ausmaßes zu begehen, und das Fehlen echter Rechtsinstrumente zur Bestrafung dieser Verbrechen demonstrierte. Solche Ereignisse ebnen den Weg für einen großen Krieg, weil sie dessen zukünftigen Organisatoren davon überzeugen, dass sie ungestraft bleiben werden. Deshalb war es für Wladimir Putin so wichtig, Wladimir Zemach, den einzigen mutmaßlichen Teilnehmer und Zeugen des Flugzeugabschusses, der von ukrainischen Geheimdienstmitarbeitern während einer brillanten Spezialoperation gefangen genommen wurde, aus der ukrainischen Haft zu befreien.

Putin musste seine Verbündeten davon überzeugen, dass er keinen der an seinen Verbrechen Beteiligten seinem Schicksal überlassen und keine Mühe scheuen würde, um dem kleinsten Rädchen zu helfen. Warum? Natürlich nicht aus Mitgefühl, sondern um zu beweisen, dass keiner der Beteiligten an künftigen Massenverbrechen in Zukunft bedroht sein würde.

Kinderspielzeug ist zu einem traurigen Symbol geworden.

Infolgedessen befand sogar der internationale Gerichtshof in Den Haag gewöhnliche „Bauernopfern“ für den Abschuss des Flugzeugs für schuldig, hatte aber keine Möglichkeit sogar sie zu erreichen. Die Tatsache, dass der Hauptangeklagte in diesem Prozess, der ehemalige FSB-Oberst Igor Girkin, einige Jahre nach seiner lebenslangen Haftstrafe in Den Haag in eine Strafkolonie in Russland geschickt werden wird, ist nur eine traurige Ironie.

Die Straflosigkeit des Bösen führt dazu, dass das Böse alltäglich wird. Die Bereitschaft der Weltmedien, Russlands lächerliche „Versionen“ des malaysischen Flugzeugabsturzes zu erörtern, hat dazu geführt, dass die russische Führung ihre eigenen Verbrechen in Bucha jetzt als Schwindel bezeichnet. Der tragisch abgebrochene Flug MH-17 war in der Tat ein Flug in die Zukunft, gerade weil er die Richtung aufzeigte, in die sich die Welt, die wir immer noch wegen Gedankenträgheit für stabil und friedlich hielten.

Und dies waren die letzten Tage der friedlichen Welt, ihre Agonie. Und das Kinderspielzeug aus dem Flugzeug, verstreut auf der schwarzen Asche des besetzten ukrainischen Landes, wurde zum traurigen Symbol dieser letzten Tage.

Kommentar verfassen